Uwe Neuhaus : "Ich habe mich mit mir selber arrangiert"

Uwe Neuhaus ist seit drei Jahren Trainer des 1. FC Union. Im Tagesspiegel spricht er über seine Veränderung, über Hertha BSC und Spieler mit eigenem Konditionstrainer.

Uwe Neuhaus, 50, hier links im Trainingszweikampf mit Santi Kolk, trainiert den 1. FC Union seit 2007. Er übernahm die Köpenicker in der Regionalliga, am Freitag startet er mit Union bei Alemannia Aachen in seine zweite Zweitligasaison.
Uwe Neuhaus, 50, hier links im Trainingszweikampf mit Santi Kolk, trainiert den 1. FC Union seit 2007. Er übernahm die Köpenicker...Foto: Matthias Koch

Herr Neuhaus, sehnen Sie sich manchmal danach, wieder Kotrainer zu sein?

Woher kommt denn diese Frage?

Sie haben uns einmal gesagt, dass Sie von Ihrem Charakter her eigentlich nicht in den höherklassigen Fußball hätten gehen dürfen, weil Ihnen der ganze Trubel drumherum nicht gefällt.

Den Trubel hätte ich auch als Kotrainer.

Aber Sie müssten nicht ständig Interviews geben. Es scheint manchmal, als reiche eine Frage aus, um sie zu verärgern.

Wenn Sie dreimal hintereinander dasselbe erzählen müssen, ärgert mich das schon. Dazu bin ich zu sehr Mensch, als dass mich das alles kalt lassen würde. Sonst könnte ich mir auch sagen: Mach mal wieder Kotrainer (lacht).

Haben Sie denn die letzten drei Jahre als Trainer beim 1. FC Union verändert?

Wenn man drei Jahre an einem Ort arbeitet, sind beiden Seiten bestimmte Verhaltensmuster bekannt. Wie in einer Partnerschaft. Die berühmte Zahnpastatube. Da denkt man nach drei Wochen auch, na ja, das mit der offenen Tube ist ja nicht so schlimm und macht sie zu. Nach sechs Wochen sagt man sich: Kann sie die nicht mal selber zumachen?

Was hat das mit Fußball zu tun?

Verhaltensweisen, die einem auf den Wecker gehen, übersieht man anfangs. Später, wenn alles eingeschliffen ist, sagt man dann mal mehr seine Meinung. Wenn ich einem Fotografen sagen muss: Jetzt hast du aber das zwanzigste Bild in der gleichen Pose, äußert man das nach drei Jahren schon ein bisschen anders. Vielleicht hat sich manchmal meine Art und Weise zu reagieren verändert, den Grundweg habe ich aber so gelassen.

Sie sind nicht dünnhäutiger geworden?

Wenn anders reagieren als dünnhäutig bezeichnet wird, dann schon. Vielleicht bin ich direkter geworden.

In der Oberliga könnten Sie sich als Trainer aufs Wesentliche konzentrieren…

… ich hab das latente Gefühl, Sie wollen mir eine gewisse Amtsmüdigkeit unterstellen. Dem ist nicht so. Ich würde auch gerne noch die nächsten fünf Jahre so weiter arbeiten.

Stört es Sie an sich selber, dass Sie verärgert reagieren?

Nein, weil ich mich nicht verstellen will. Wenn ich mich ärgere, kann das der eine oder andere ruhig sehen. Man muss auch nicht für jedes Wort, das man im Ärger sagt, Rechenschaft ablegen.

Haben Sie mal darüber nachgedacht, daran zu arbeiten, etwa mit einem Coaching?

Nee. Ich sehe es auch nicht als so verkehrt an. Es ist eine Frage der Erfahrung. Bei meinen ersten Gesprächen vor Kameras habe ich gedacht: Bist du bescheuert, wie verkaufst du dich eigentlich?

Und jetzt?

Vielleicht habe ich mich mit mir selber arrangiert. Das war als Spieler schon so. Ich konnte mich nicht selber spielen sehen – allein der Laufstil hat mich angekotzt. Aber ich konnte es ja nicht ändern, irgendwann war es mir egal. Ich bin keiner, der rhetorisch geschliffen einen Vortrag halten kann, weil ich es auch gar nicht will. Weil die Fußballsprache eine recht einfache ist. Da muss man auch mal scheiße sagen.

Wenn Sie heute nach Ihrer Motivation als Trainer gefragt werden, würde die Antwort genauso ausfallen wie vor 15 Jahren?

Im Vordergrund steht immer noch die Sportart, die mich schon begleitet hat, als ich noch in gar keinem Verein war, mit drei, vier, fünf Jahren. Als wir jetzt vor dem Pokalspiel in Leipzig trainiert haben, hat mich das an meine Kindheit erinnert. Der Platz dort war genauso wie der bei meinem ersten Verein – recht grob, holprig. Früher gab es nichts anderes. Jedes Wochenende war ausgefüllt, jeden Nachmittag ging ich auf den Bolzplatz und das habe ich dann so fortgeführt.

Aus Ihrer Heimat, dem Ruhrgebiet, kennen Sie Rivalitäten und Derbys bestens, weil es viele starke Klubs auf engem Raum gibt. Jetzt gibt es auch in Berlin eine solche Rivalität. Wie unterscheidet sich die zwischen Union und Hertha von der im Ruhrgebiet?

Es ist anders, weil es diese Rivalität lange nicht geben konnte. Hertha hat uns über Jahrzehnte vielleicht nicht wahrgenommen oder ernst genommen. Jetzt spielen wir in derselben Liga. Dortmund, Schalke, Gladbach, Bochum, das ist ein Niveau, da kann man sich jedes Jahr zweimal gegeneinander austoben. In Berlin haben wir das nun zum ersten Mal. Da wird es in der Woche vor dem Spiel hoch hergehen. Ich glaube, da trainieren wir eine Woche lang nicht öffentlich (lacht).

Was bedeutet diese Rivalität für Sie als Trainer?

Die sportliche Bedeutung herunterzureden, wäre verkehrt dem Fan gegenüber. Ich weiß nicht, wie viele Fans dabei sind, die bei zwei Derbysiegen sogar einen Abstieg in Kauf nehmen würden. Und auch wenn es keiner so gravierend sieht, ist es doch sehr, sehr wichtig für sie. Wir als der kleinere Verein würden uns vielleicht mehr als Hertha über einen Sieg freuen.

Und wie gehen Sie als Trainer mit dem Wissen um, dass den Fans diese beiden Derbys so viel bedeuten?

An der Arbeit wird sich nicht viel ändern. Aus Motivationsgründen wird es wichtig sein, den Pegel in der Woche vor dem Spiel ein bisschen runterzufahren, um nicht übers Ziel hinaus zu schießen und nicht nach fünf Minuten zwei Rote Karten zu bekommen, um es mal überspitzt darzustellen.

Sie vertreten die Position, dass Union sein Fundament aufgeben würde, wenn der Klub seinen Heimspielort verlegen würde. Haben Sie sich damit auch in die vereinsinterne Diskussion eingemischt, ob Union nicht für das Heimspiel gegen Hertha ins Olympiastadion ziehen soll?

Nein, das musste ich auch nicht. Das Gelände hier ist die Seele des Vereins. Was hier geschaffen wurde, da sind wir sehr stolz darauf. Deswegen war es für mich unvorstellbar, ins Olympiastadion zu gehen.

Seitdem Sie hier sind, ist es immer aufwärts gegangen. Das wird nicht leichter.

Wenn man es an Tabellenplätzen fest macht, wird es tatsächlich immer schwieriger. Unser Präsident hat schon vor zwei Wochen gesagt, dass die Weiterentwicklung der Mannschaft eine riesengroße Rolle spielt. Daraus wurde dann gemacht: Platz zwölf wie in der vergangenen Saison reiche ihm nicht. So war das aber nicht gemeint, eben nicht tabellenplatzabhängig, sondern was die Entwicklung des Vereins betrifft.

Beschreiben Sie doch mal das Gefühl am Saisonanfang. Ist das jedes Jahr ähnlich?

Es ist jedes Jahr mit Ungewissheit verbunden. Ich würde es mit einer Klassenarbeit vergleichen. Man fühlt sich gut vorbereitet und trotzdem kommen leise Zweifel, ob nicht doch ein anderes Thema drankommt. Dieses Bauchgrummeln muss sein vor einem Saisonauftakt, weil ich glaube, dass es leistungsfördernd sein kann. Nur, wenn die Angst zu groß wird, kann auf einmal auch alles weg sein. Ich will nicht hoffen, dass das am Freitag gegen Aachen der Fall ist.

Eine Ungewissheit sind Sie ja los: Wer der Gegner in der zweiten Pokalrunde ist.

Es wäre falsch ausgedrückt, wenn ich sagen würde, dass man es auch positiv sehen kann. Die Niederlage und das Ausscheiden sind bitter, keine Frage. Aber man kann auf unterschiedliche Art mit der Situation umgehen. Der eine sagt vielleicht: Das Selbstvertrauen hat gelitten. Der andere: Die sind jetzt noch konzentrierter, noch wacher, noch heißer, um die Scharte auszuwetzen. Ich glaube, dass unsere Mannschaft in der Vergangenheit gezeigt hat, dass sie gestärkt aus Enttäuschungen hervorgehen kann.

Wie viel Wahrheitsgehalt steckt denn nach einem Pokalaus in dem Satz: Wir können uns jetzt ganz auf die Meisterschaft konzentrieren?

Es ist eine Art, Enttäuschung zu verarbeiten. Ich würde nicht ausschließen, dass ich ihn auch schon mal benutzt habe. Aber nach unserer Niederlage gegen Halle habe ich ihn gegenüber der Mannschaft nicht erwähnt.

Je höher man kommt, desto wichtiger wird Menschenführung, haben Sie einmal gesagt. Sind Bundesligaspieler schwieriger als Oberligaspieler?

Ja.

Warum?

Einen Champions-League-Spieler zu führen, ist nochmal schwieriger als einen Zweitligaspieler. Da nenne ich nur Cristiano Ronaldo als Beispiel. Die tägliche Arbeit mit ihm ist völlig anders als die hier. Wer alles erreicht hat, meint ja auch, alles zu können. Bei Borussia Dortmund gab es mal einen Spieler, den Namen nenne ich nicht, der hatte seinen eigenen Konditionstrainer. Die Mannschaft ist raus und rechts rum gelaufen und er mit seinem Konditionstrainer links herum.

Wie begegnen Sie denn einem überheblichem Spieler?

Überheblich zu sein, ist ja grundsätzlich nicht so schlimm, er muss es nur durch Leistung untermauern, und die Mannschaft darf nicht darunter leiden.

Sie gelten als bodenständiger Arbeiter. Ist es dann so, dass die Seelenverwandtschaft zu den Spielern abnimmt, je höher sie im Fußball kommen?

Nein, denn es gibt einen ganz entscheidenden Punkt: Wenn einer erfolgsgeil ist, dann ist er genau auf meiner Wellenlänge. Man kann auch einen Trainerjob nicht annehmen, um die Menschen zu verändern. Man muss die Spieler so nehmen, wie sie kommen.

Und wie schwer fällt ihnen das, die Spieler so zu nehmen?

Es fällt mir leicht. Ich habe auch nie Angst davor gehabt, auch so genannte schwierige Spieler zu holen. Sie einzufügen, ist eine schöne Herausforderung. Es ist Erfahrungssache. Sein fünftes Kind erzieht man auch souveräner als das erste.

Das Gespräch führten Katrin Schulze und Friedhard Teuffel.

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