Sport : Vamos a Alemania!

40 Jahre gab es keine Spanier in der Bundesliga. Nun kommen die neuen Gastarbeiter aus dem Welt- und Europameisterland, nicht nur der Krise wegen. Eine Geschichte über die Logik des globalen Transfermarktes.

Die neuen Gastarbeiter.
Die neuen Gastarbeiter.Foto: bpk / Abisag Tüllmann

Spanier galten als körperlich unterlegen. Statt Schulsport mussten sie singen, sagt einer

Anfänge sind schwer. Speziell, wenn man aus dem Süden kommt und im Winter auf fast gefrorenem Platz in Rostock kickt. Jaime war 2002 der erste Spanier in der Bundesliga. Der Mittelfeldspieler wollte Pässe spielen, die er aus Spanien kannte. Herrliche Pässe, über dutzende Meter hinweg und dennoch präzise. Pässe, die das Spiel und das Herz öffnen können, Anspiele, die die Sonne aufgehen lassen, für die Xavi und Iniesta heute weltberühmt sind. Doch im deutschen Winter war weder Sonne noch Xavi noch Iniesta. Bei Jaimes Risikopässen hoppelte der Ball über den harten Platz wie ein Rugby-Ei.

„Ralf Rangnick sagte mir irgendwann, ich soll Jaime beibringen, dass er ein paar Spiele aussetzen muss“, erinnert sich dessen Landsmann Ricardo Moar, damals Manager bei Hannover 96. Für den Trainer war der Spanier zwischen Januar und März schlicht nicht einsetzbar.

Es ist viel Zeit vergangen seitdem. Spielten Spanier bis vor zehn Jahren noch keine Rolle in Deutschland, gibt es in der Bundesliga nun sieben Spieler aus dem Land des Welt- und Europameisters. Zwar verließ Raúl Schalke, aber es kamen diesen Sommer fünf neue Spanier hinzu – aus keinem anderen Land gab es mehr neue Gastarbeiter. Den prominentesten verpflichtete Bayern München: Javier Martinez, für 40 Millionen Euro, Bundesliga-Rekord. Klar, Spanien hat eine Wirtschaftskrise, so etwas sorgt nicht nur im Fußball für Bewegung auf dem Arbeitsmarkt. Aber nach dieser Logik müssten auch massenweise Portugiesen, Iren, Italiener und noch mehr Griechen ihr Glück in der Bundesliga suchen. „Das Finanzielle spielt eine große Rolle, aber nicht die Hauptrolle“, sagt Max Eberl, der als Sportdirektor in Mönchengladbach Alvaro Dominguez verpflichtete.

Die kleine Hispanisierung des deutschen Fußballs sagt etwas aus, über die Entwicklung der Bundesliga, wirtschaftlich und vor allem konzeptionell, über die Globalisierung des Sports. Und über Transfertrends und Moden in der Milliardenbranche Fußball, die manchmal nach eigenwilliger Logik funktioniert.

Davon weiß Ricardo Moar zu berichten. Der 58-Jährige ist Berater oder Scout, eine genaue Stellenbeschreibung gibt es nicht, für Udinese Calcio. Der italienische Erstligist hat über 50 Spieler aus aller Welt unter Vertrag und die meisten in alle Welt verliehen. Klubs wie der FC Granada, der FC Watford oder der FC Cadiz bauen Teams mit Udine-Leihspielern. Moar war auch Manager in Cádiz, „um Udines Interessen dort zu wahren“.

Vor allem aber war Moar der bisher erste und einzige spanische Manager in der Bundesliga. Für Deportivo La Coruña scoutete er vor zehn Jahren Gegner Bayer Leverkusen, als er in einem Hotel mit Ralf Rangnick ins Gespräch kam. Als Kind hatte Moar elf Jahre in Lippstadt verbracht, er spricht bis heute fließend Deutsch. Rangnick schlug Moar vor, mit ihm in Hannover zu arbeiten. Der globale Fußball ist auch geprägt von Zufällen.

Neuzugänge kamen damals woanders her. Deutsche Trainer holten Spieler, die zu ihrer Philosophie passten: Nord- und Osteuropäer. Als Solist für die Kunst oft einen Brasilianer, aber da war das Risiko hoch. Die Deutschen, meint Moar, „suchen den direkten Weg zum Tor, mit schnellen, athletischen Spieler, aber denen fehlt das, was die Spanier haben: Passpräzision und Kombinationsfreude“.

Doch in Hannover arbeitete er mit Rangnick und Mirko Slomka, zwei Trainern, die feinen Fußball schätzen. „Als Ralf sagte, er suche einen Spieler, der dem Offensivspiel Profil gibt, dachte ich sofort an Jaime“, sagt Moar. „Dass er kein guter Verteidiger war und kein großer Läufer, war nicht so wichtig.“ Jaime und seine Mitspieler Fernando und José Manuel, ebenfalls aus La Coruña, waren die ersten Spanier in der Bundesliga, wo es zuvor nur Halbspanier wie Francisco Copado oder Thomas Christiansen gab. Mit Jaime im Mittelfeld wurde der Aufsteiger für sein Offensivspiel gefeiert, auch wenn Hannover die drittmeisten Gegentore kassierte, was zeigt, dass Verteidigen und Laufen durchaus noch Tugenden sind.

Für die frühere körperliche Unterlegenheit hat Moar eine einfache Erklärung. „In Deutschland hatte ich als Kind richtigen Sportunterricht“, erinnert er sich, „zurück in Spanien war es in der Diktatur wichtiger, Lieder für Franco zu singen.“

Längst haben die Spanier, wie die meisten Nationen, physisch aufgeholt. Nun sucht man das gewisse Extra an Technik und Siegeswillen. Dass Spanier davon extra viel haben, zeigen die Erfolge der Nationalelf oder Barcelonas. „Natürlich fragen sich die Verantwortlichen, warum das funktioniert, und wollen das auch“, sagt Moar. Also holt man sich einen oder zwei Spieler als Ergänzung des Spielstils dazu. Ein bisschen Barça für jedermann quasi. Dass Erfolge anderer ein wenig neidisch und gierig machen, zeigt sich an vielen Beispielen. Etwa als nach dem WM-Titel 2006 Italiener wie Luca Toni in die Liga kamen. Oder nach Dortmunds Erfolg mit Shinji Kagawa Japaner. Das gewisse Extra aus Südamerika ist dagegen nach vielen Flops aus der Mode. „Es gibt für alles rationale Gründe“, sagt Moar. Aber im Milliardengeschäft Fußball gehe es auch um Emotionen, „die verbinden alle, Verantwortliche, Trainer, Fans“.

Max Eberl sieht das etwas nüchterner. „Klar gibt es Vorreitertransfers und Trendbewegungen“, sagt Mönchengladbachs Manager. Doch der Fußball ist längst vernetzt. Weltweit wird bei Turnieren gescoutet, weiße Flecken gibt es nicht mehr auf der Karte. Letztlich funktioniert auch der Transfermarkt durch Nachfrage und Angebot. „Vor zehn, fünfzehn Jahren waren keine Spanier für deutsche Klubs zu haben“, sagt Eberl. Die Spieler hätten sich gefragt: Was soll ich da? Wenig Geld, schlechtes Wetter, und der Fußball passt nicht zu mir. Und bei all ihrem Talent „war vieles Selbstzweck, im Abschluss fehlte noch die Gier nach Erfolg“.

Doch Dinge ändern sich. In Brasilien etwa steigen, dank WM und Wirtschaftsboom, die Preise für Edeltechniker, in Spanien fallen sie. Weil viele spanische Klubs hoch verschuldet sind, Spieler um Gehälter streiken und nun alle den Spitzensteuersatz von 51 Prozent zahlen müssen. Die Bundesliga aber „hat an Attraktivität gewonnen, von der Infrastruktur her sind wir fast federführend“, sagt Eberl. Gehälter und Ablösen sind zwar niedriger, aber pünktlich und sicher.

Aber vor allem der Fußball selbst hat sich geändert. Nicht nur für Bundestrainer Joachim Löw ist Spanien seit langem das angestrebte Ideal. „Deutscher Fußball war früher doch eher mit Maloche und Grätsche verbunden“, sagt Eberl. „Mittlerweile haben sich hier richtig gute Fußballer und Trainer durchgesetzt.“

Nicht der einzige Wandel in der Mentalität. „Wenn ein Spieler ins langfristige Konzept passt, nimmt man in Kauf, dass die Anpassung etwas dauert“, sagt Eberl und nennt als Beispiel den Venozolaner Juan Arango, lange in Spanien aktiv. Und auch die Gegenseite ändert sich. „Früher war ein Spanier stolz, in Spanien zu spielen“, sagt Eberl. Für die neue Generation gilt für junge Berlintouristen wie für Profifußballer: Viele sind gut ausgebildet und neugierig auf andere Kulturen.

Wie weit trägt die Neugier? Werden noch mehr Spanier kommen? „Ich glaube schon, wenn die Ablösesummen nicht weiter so hoch fixiert werden“, sagt Eberl. Wenn auch nicht aus Madrid und Barcelona. Um Spieler aus der zweiten Real-Mannschaft zu holen, zahlte Leverkusen fünf Millionen für Daniel Carjaval und Hoffenheim sechs für Joselu. Selbst Freiburg gönnt sich mit Ezequiel Calvente einen Spanier. „Trainer werden weiter eher auf Spieler setzen, die sie kennen, aus Essen oder Wuppertal“, glaubt Moar, der selbst auf ein Angebot hofft.

Doch verläuft der Markt längst globaler als zwischen Essen und Wuppertal. Und in Rostock gibt es Rasenheizungen.

Der Markt ändert sich.

Brasilien wird teurer, der deutsche Fußball spanischer

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