Van der Vaart : Der Unentbehrliche

Die Zukunft des abwanderungswilligen Rafael van der Vaart beim Hamburger SV bleibt ungewiss - bis zum 30. August.

Karsten Doneck[Hamburg]
Vaart
Klatschen? Rafael van der Vaart kann derzeit nicht auf die Unterstützung der HSV-Fans bauen. -Foto: ddp

Rafael van der Vaart war verschwunden. Optisch jedenfalls. Mit Ausnahme von Torwart Frank Rost waren alle anderen neun HSV-Profis Richtung Eckfahne vor der Nordtribüne der Hamburger Arena geeilt, um van der Vaart dort stürmisch zu feiern. In dieser Menschentraube verschwand der nur 1,78 Meter große Holländer für einen kurzen Moment aus dem Blickfeld. Mannschaft und Fans hatten spätestens in diesem Augenblick ihren Frieden geschlossen mit dem Mann, der nun seit Tagen schon öffentlich und wenig stilvoll seinen sofortigen Wechsel zum FC Valencia voranzutreiben versucht. Kurz vor den Herzlichkeiten am Sonntagabend hatte van der Vaart einen Handelfmeter für den Hamburger SV verwandelt. 1:0 gewann der HSV gegen Bayer Leverkusen und dabei auch die Erkenntnis: Van der Vaart ist trotz aller Absichtserklärungen derzeit unentbehrlich.

„Der HSV hat 100 Jahre ohne ihn gespielt, er wird es auch die nächsten 100 Jahre tun“, hat dagegen Hamburgs Abwehrspieler Vincent Kompany gesagt in dem Bemühen, die hochfliegenden Diskussionen um den Kollegen auf erdene Ebenen zurückzuführen. Doch gerade der HSV ist immer bestrebt, in der schicken, modernen Weltstadt Hamburg nicht als dumpfer Bolzklub schief angesehen zu werden. So etwas wie Eleganz hat dem Spiel des HSV letztmals der Argentinier Rodolfo Esteban Cardoso um die Jahrtausendwende gegeben. Jetzt führt van der Vaart dem Publikum vor, dass Fußball mehr ist als nur Grätschen und Kämpfen.

Der HSV weiß um die Bedeutung seines holländischen Spielmachers. Wie ernst es den Hamburgern ist, van der Vaart zu halten, zeigt die nicht aufzuweichende Haltung der Vereinsführung. Sogar einen Anwalt hat der HSV inzwischen eingeschaltet: Christoph Schickhardt soll dem Werben des FC Valencia um van der Vaart über die juristische Schiene Einhalt gebieten. Schickhardt erklärte im „Kicker“, van der Vaart befinde sich nach EU-Recht in den ersten drei Vertragsjahren in einer sogenannten Schutzzeit, kein anderer Verein dürfe also mit ihm in Verhandlungen treten. Bei Zuwiderhandlung drohen Geldstrafen oder gar Punktabzüge.

Ans Geld geht es demnächst wohl auch van der Vaart selbst. Der HSV stellte ihm eine hohe Geldstrafe in Aussicht. Von 50 000 Euro ist die Rede. Van der Vaarts starre Haltung („Ich will unbedingt weg“) scheint auch langsam der Resignation zu weichen. „Der HSV lässt mich nicht weg, also muss ich wohl bleiben“, sagte er nach dem Spiel gegen Leverkusen. Das sei dann für ihn auch kein Problem, teilte er mit, „dann gebe ich eben weiter 100 Prozent“. Allzu viel sollte der HSV auf diese Aussage aber nicht geben. Derzeit redet der Holländer mal so, mal so. Spätestens am Abend des 30. August wird klar sein, wessen Trikot van der Vaart künftig trägt. Der HSV spielt an diesem Tag gegen Honved Budapest in der Uefa-Cup-Qualifikation. Läuft van der Vaart auf, wäre er für den Rest des Jahres für alle Champions-League-Spiele anderer Klubs gesperrt und damit für den FC Valencia nicht so wertvoll wie jetzt.

Huub Stevens indes mag sich zu van der Vaarts Valencia-Plänen gar nicht mehr äußern. Bitterböse kanzelte der HSV-Trainer nach dem Spiel diesbezügliche Fragen ab. „Haben Sie noch andere Fragen?“, raunzte er nur. Die Mannschaft des HSV reagierte gegen Leverkusen hingegen so, als würde sie das Gezerre um ihren Spielmacher gar nichts angehen. „Klar ist das bei uns in der Mannschaft ein Thema“, sagte Torwart Frank Rost zwar, bat aber aus eher pragmatischen Gründen um Verständnis für van der Vaart, denn: „Heute musst du im Profifußball deine moralischen Ansprüche ganz weit nach unten fahren, gegen null fast, also was soll’s?“

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