Sport : „Van Nistelrooy nehme ich den Ball weg“

Philipp Lahm über kleine und große Spieler, seine Schwester und den Traum, Nationalspieler zu sein

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Herr Lahm, Ihnen wird eine zweifelhafte Ehre zuteil: Sie sind mit 1,70 Metern der kleinste Mann im deutschen Team.

Das ist doch auch etwas, oder?

Mag sein, aber was, bitte schön, wollen Sie machen, wenn Hollands Ruud van Nistelrooy mit dem Ball auf Sie zugestürmt kommt?

Ihm den Ball wegnehmen, ganz einfach. Nein, ich habe keine Probleme mit so großen Gegenspielern. Ich denke, dass ich viele Vorteile als kleinerer Spieler habe. Ich bin wendiger, meine Geschwindigkeit ist ganz gut. Aber es hat auch Nachteile. Zum Beispiel mein Kopfballspiel. Und mir fehlt noch ein bisschen die Robustheit.

Dafür hatten Sie ja früher eine ältere Schwester – die ist heute Polizistin.

Meine Schwester ist zwei Jahre älter als ich. Sie ist meine Hauptbezugsperson. Ich bin mein ganzes Leben super mit ihr zurechtgekommen. Sie hat jetzt in Stuttgart meine Wohnung eingerichtet. Ich kann ihr alles erzählen, wie sie auch mir alles erzählen kann. Es liegt wohl daran, dass uns unsere Eltern so erzogen haben, dass wir gut miteinander auskommen müssen.

Und auf dem Schulhof hat sie auf Ihren kleinen Bruder aufgepasst?

Hm, vielleicht, als ich in der ersten Klasse war und Ärger hatte. Da geht man doch zu seiner älteren Schwester, oder?

Auf dem Rasen haben Sie keine große Schwester mehr, die Ihnen helfen kann.

Auf dem Rasen kenne ich keine Angst. Beim FC Bayern haben wir als jüngerer Jahrgang gegen Ältere gespielt. Ich habe wirklich keine Probleme mit meiner Größe. Ich kann mich durchsetzen, aber dass ich jetzt bei der EM bin, habe ich mir nie träumen lassen. Wissen Sie, mein Opa hat die WM 1990 aufgenommen. Das ist eine Zusammenfassung aller deutschen Spiele bis zum WM-Sieg. Das Video dauert 90 Minuten, und das habe ich mir so ungefähr 50-mal angeschaut. Da kann ich einiges nachsprechen.

Durften Sie die Spiele nicht live sehen, weil die Übertragung zu spät begann?

Live habe ich kein Spiel gesehen. Aber nach der Schule bin ich gleich runter zu meinem Opa gegangen. Der wohnte unter uns in München. Und da habe ich mir immer die Zusammenfassung angeschaut. Er hat mich damals oft gefragt, ob es mir nicht langweilig wird. Das war nie der Fall. Deshalb habe ich mir auch nach dem Finale immer wieder den Elfmeter von Brehme angeschaut.

Brehme war damals linker Verteidiger, genauso wie Sie heute.

Dieser Vergleich steht mir nicht zu, außerdem kann so viel passieren, eine Verletzung beispielsweise.

Wie beruhigen Sie sich vor einem Spiel?

Ganz einfach. Ich ziehe mich einfach an und konzentriere mich aufs Spiel.

Rudi Völler schätzt diese Unbekümmertheit. Der FC Bayern muss Sie übersehen haben, sonst wären Sie nicht an den VfB Stuttgart ausgeliehen worden.

Wenn die Bayern mein Talent nicht gesehen hätten, hätten sie mir nicht einen Vertrag bis 2007 gegeben. Dass sie mich nicht verkauft, sondern lediglich ausgeliehen haben, sehe ich sogar als Belohnung. Wir sind in Stuttgart sehr erfolgreich, und ich fühle mich sehr wohl dort.

Aber Ihr Trainer beim VfB, Felix Magath, wechselt zum FC Bayern. Folgen Sie ihm?

Nicht in diesem Sommer, bisher wurde darüber nicht gesprochen. Der Leihvertrag dauert bis 2005. Ich werde nicht anrufen und sagen, Herr Magath, holen Sie mich bitte.

An welche Szene können Sie sich beim Spieler Rudi Völler erinnern?

Das war die Szene aus einem Spiel gegen Holland, als er angespuckt wurde. Das war für mich als kleiner Junge schockierend. Dann bekam er noch die Rote Karte. Und jetzt spielen wir wieder gegen Holland.

Sebastian Deisler war ebenfalls 20, als er vor vier Jahren seine erste EM spielte. Später litt er unter diesem Druck.

Die Gefahr besteht bei mir nicht, glaube ich. Um ihn war der Rummel weitaus größer. Es gibt auch andere Beispiele. Uli Hoeneß war 20, Lothar Matthäus 19. Ich glaube, dass ich genügend Ausgleich habe, und ich habe genug Freunde. Ich bin ein ziemlich lockerer Typ, der Spaß nicht nur am Fußball, sondern auch am Leben hat. Diesen Weg werde ich weitergehen.

Das Gespräch führte Michael Rosentritt.

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