Sport : Vater und Geheimnis des Erfolgs

Wie Ralf Beckmann das deutsche Schwimm-Team nach dem Debakel von Sydney wieder nach vorn brachte

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Von Frank Bachner

Berlin. Ralf Beckmann organisierte ein nettes Spielchen. Kurz vor den Schwimm-Europameisterschaften verteilte der Teamchef der deutschen Schwimmer Fragebogen. Wer wollte, durfte aufschreiben, wie viele Medaillen die deutschen Schwimmer gewinnen werden. Und natürlich: Welche Zeit jeder von sich selbst erwartet. Irgendeiner verstieg sich zur Prognose: 35 Medaillen. Na ja, seufzte Beckmann am Samstagabend, einen Tag vor Ende der Meisterschaft, „das war ein Ausreißer“. Wer Deutschland da zur überragenden Schwimm-Nation in Europa veredelte, verrät er lieber nicht. Ist auch egal. Bedeutsam ist, dass die deutschen Schwimmer insgesamt 22 Medaillen holten. 24 Medaillen hatte Beckmann vor der Europameisterschaft als Ziel verkündet, „und das war schon eine kühne Planung". Die Kunstspringer steuerten auch noch zehn Medaillen zur deutschen Gesamtbilanz bei, darunter sogar fünf goldene.

Die Deutschen bleiben die beste Schwimm-Nation in Europa, sie lieferten teilweise „bravouröse Leistungen“ (Beckmann). Das hat auch mit den Fragebogen zu tun. Die sind ein kleiner Teil dieses Erfolgsbildes. Denn Beckmann hatte die Zettel nicht bloß verteilt, um später einen Gewinner verkünden und dem ein kleines Geschenk überreichen zu können. Der Teamchef wollte seine Athleten auch anstacheln und ihren Kampfgeist wecken. Und er wollte wissen, wie selbstbewusst sie ins Wasser gehen. Sie gingen sehr selbstbewusst ins Wasser, die Medaillenflut beweist es, und das liegt zweifellos an dem Teamgeist, den Beckmann geweckt hat. Die Schwimmer, die in Berlin abräumten, sind ja die gleichen Athleten, die vor zwei Jahren noch in Sydney bei den Olympischen Spielen durch Streit, Neid und Gezänk untergingen. Man musste sich nur Franziska van Almsick anschauen. „Diese Mannschaft hat einen hervorragenden Teamgeist. Es macht wieder Spaß in dieser Mannschaft. Was Herr Beckmann da erreicht hat, ist wirklich einmalig“, sagte sie.

Beckmann hat viele Einzelgespräche geführt, „ich habe jedem das Gefühl gegeben, dass er wichtig ist – egal, ob er Goldfavorit ist oder nur um den Einzug ins Finale kämpft“. Er kannte eigentlich nur dieses eine Wort: Teamgeist. „Damit kann man Kampfgeist freisetzen, da weiß jeder, dass er von der Mannschaft notfalls aufgefangen wird.“ Franziska van Almsick hat er vor dem Finale über 200 m Freistil, das die 24-Jährige in Weltrekordzeit (1:56,64) gewann, jeden Druck genommen. Nur in diesem Umfeld, nur durch diese phänomenale Unterstützung durch das Publikum war die zweimalige Weltmeisterin in der Lage, vier Goldmedaillen zu gewinnen. „Mir wachsen durch diese Unterstützung richtig Flügelchen. Ich komme mir vor wie ein Engel“, sagt sie. „Noch nie habe ich erlebt, dass so viele Leute mich siegen sehen wollen. “

Für van Almsick war der erste Sieg bei der EM mit der 4 x 100-m-Staffel extrem wichtig. Er gab ihr jene Sicherheit, mit der sie kurz darauf Europameisterin mit der 4 x 200-m-Staffel und über 100 m Freistil wurde und mit der sie dann auch über 200 m Freistil Gold holte. Van Almsick musste zur Lokomotive für die anderen werden. Wenn sie früh gewann, würden die Medien mitziehen, würden die TV-Quoten nach oben schnellen und die anderen Athleten vom gestiegenen Interesse profitieren. Das Weltrekordrennen von van Almsick verfolgten im ZDF 3,06 Millionen Zuschauer (29,6 Prozent Marktanteil), das anschließende Interview mit ihr sahen 3,42 Millionen (31,6 Prozent). Die gleiche Quote hatte das Rennen von Thomas Rupprath, bei dem er Europameister über 100 m Schmetterling wurde. Der 25-Jährige wird nie eine Medienfigur wie van Almsick, aber er präsentiert sich als zweites Gesicht des deutschen Schwimmens, und das hilft der ganzen Sportart.

Aber es gab auch viele Kämpfer im Hintergrund, die mitverantwortlich für die glänzende Bilanz sind. Stephan Kunzelmann zum Beispiel, der Freistilschwimmer. „Er hatte nur einen vaterländischen Auftrag“, sagte Beckmann. „Er sollte als Schlussschwimmer der 4 x 100-m-Freistilstaffel keinen mehr vorbeilassen und Gold sichern.“ Kunzelmann kämpfte wie ein Wilder, Deutschland wurde Europameister. Dass Kunzelmann dann über 100 m Freistil im Vorlauf mit lächerlichen 51,28 Sekunden ausschied, „das“, sagt Beckmann, „war mir dann egal. Er hatte seine Aufgabe erfüllt."

Dann erwähnt Beckmann noch Jana Henke. Die Potsdamerin hatte die 800 m Freistil gewonnen, verbesserte ihre Bestzeit um fast sieben Sekunden. Beckmann bemerkte, „dass Jana auf den zweiten 400 m, dem härteren Teil des Rennens, noch Bestzeit geschwommen ist. Das ist einmalig." Fragt sich nur, ob der Teamgeist zu konservieren ist. Im nächsten Jahr findet schließlich die WM in Barcelona statt.

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