Velodrom des Olympic Park : Gold liegt auf der Straße

Schon vor den Spielen war Tobias Graf der heimliche Star im deutschen Team. Nach Bronze und Silber auf der Bahn will er nun im Straßenrennen siegen.

Alisha Mathis
Silbermedaillengewinner Tobias Graf im Interview mit Schülerreporterin Alisha Mathis.
Silbermedaillengewinner Tobias Graf im Interview mit Schülerreporterin Alisha Mathis.

Die Anspannung im Velodrom des Olympic Park ist spürbar. Die Zuschauer schauen gebannt auf die Bahn, dann ertönt das Startzeichen. Die Arena wird erschüttert von wilden Anfeuerungsrufen. Das Publikum auf den Rängen schreit, singt und tobt voller Begeisterung. Mittendrin – die Überraschung des Bahnradfahrens – Tobias Graf aus Deutschland.

Der 28 Jahre alte Radsportler, der bei einem Mähdrescherunfall sein linkes Bein verlor, sahnt gleich bei seinen ersten beiden Rennen zwei Mal Edelmetall ab – Silber und Bronze. Vor den Paralympics wurde Graf in den eigenen Reihen als heimlicher paralympischer Star gehandelt. Seine größte Medaillenchance sah Graf beim Verfolgungsrennen über 3000 Meter, nicht gerechnet hatte er aber mit seinem dritten Rang im 1000-Meter-Zeitfahren. „Ich habe dieses Resultat selbst nicht erwartet, sondern einfach auf das Bestmögliche gehofft“, so der Sportler. Schon in Athen 2004 erreichte Graf einen zweiten und dritten Platz, und in Peking platzierte er sich als Dritter auf dem Podest. Jetzt fehlt ihm noch die Goldmedaille in seiner Sammlung.

In London musste sich Graf im 3000-Meter-Verfolgungsrennen der Klasse C2 im Finale dem chinesischen Konkurrenten Guihua Liang geschlagen geben. Er hat aber nicht die Goldmedaille verloren, sondern eine Silbermedaille gewonnen. „Direkt nach dem Rennen war ich enttäuscht, dass es nicht ganz gereicht hatte. Mit meiner Leistung bin ich aber zufrieden“, sagte Graf nach der Medaillenzeremonie. In seinen beiden Rennen ist er auch zwei Mal Weltrekordzeit gefahren. Sein chinesischer Kontrahent unterbot sein Resultat im 3000-Meter-Sprint noch weiter. „Zwar keine Goldmedaille, aber die Freude über die neu aufgestellten Weltrekorde ist dafür umso größer.“

Die überraschende Bronzemedaille wurde Tobias Graf vom Bundespräsidenten Joachim Gauck übergeben. Seit rund zwölf Jahren ist Graf schon im deutschen Radteam mit dabei. Ein alter Fuchs könnte man sagen, da er schon als 16-Jähriger sein erstes internationales Rennen fuhr. Um an die Spitze zu gelangen, braucht es unzählige harte Trainingsstunden und zurückgelegte Kilometer. Erfahrung und das richtige Alter sind eine gute Kombination, um Medaillen zu sammeln. „Ich bin kein Vollprofi, neben dem Leistungssport arbeite ich noch 35 Stunden in der Woche“, sagt der gelernte Technische Zeichner.

In den vergangenen vier Monaten verbrachte Graf nur zwei Wochenenden zu Hause, die restlichen freien Tage verbrachte er immer mit Training oder Wettkämpfen. „In den letzten Jahren hat sich das Training stark verändert.“ Es sei professioneller geworden, erklärt der Topathlet.

Durch die Professionalisierung gibt es immer mehr Spitzensportler, und die Wettkämpfe werden immer härter. Tobias Graf war im Top Team mit 54 weiteren deutschen Sportlern. Dadurch erhielt er auch noch eine spezielle Förderung. Ambitioniert nach neuen Herausforderungen suchend, tritt Graf auch gegen nicht behinderte Sportler an. Seine bisher erreichten Spitzenzeiten lassen so manchen zweibeinigen Sportler zittern und im Regen stehen.

Seine eigene Aufgabe im Team ist jetzt auch das Motivieren seiner Kameraden. „Einige sind schon enttäuscht, aber ich motiviere meine Teamkameraden natürlich, in den weiteren Rennen alles zu geben.“ Dass alles gegeben wird, erwarten auch die mitfiebernden Fans im Velodrom. Manchmal kann man kaum sein eigenes Wort verstehen. „Der Lärm ist extrem in der Halle, vor allem wenn man sich auf sein nächstes Rennen vorbereitet.“ Die Gefahr ist groß, dass die Vorbereitungen nicht gut laufen und dass die Konzentration verloren geht. „Ich wurde gewarnt, dass während der Olympischen Spiele eine Lautstärke von bis zu 130 Dezibel erreicht wurde.“ Aus diesem Grund ist er vor den Rennen in der Aufwärmphase oft mit Ohrenstöpseln anzutreffen. „Ich glaube das Anpassen an die Halle ist mir ganz gut gelungen“, sagt Graf über seine Erfahrung mit der emotional geladenen Stimmung.

Ihm steht auch noch das Straßenrennen bevor. „Im Straßenrennen wird es schwierig sein, nach vorne zu kommen“, sagt Graf über seine nächsten Wettkämpfe.

Doch der Radfahrer hat schon zu Beginn seiner paralympischen Wettbewerbe bewiesen, dass er immer wieder für eine Überraschung gut ist. Man wird sehen, ob er nun auch endlich eine Goldmedaille vom Straßenrennen seiner Sammlung hinzufügen kann. Das Team Deutschland hofft auf einen Erfolg seines nicht mehr ganz so heimlichen Stars.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben