Verdacht der Untreue : Staatsanwalt ermittelt beim THW Kiel

Einem Medienbericht zufolge soll der THW Kiel seit dem Jahr 2000 mindestens zehn Spiele verschoben haben. Jetzt wurde die Geschäftsstelle durchsucht.

Erik Eggers[Hamburg]
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Offenes Portemonnaie. Kaufte der THW Handballspiele? Das Foto zeigt eine Geldbörse im Fanartikelgeschäft in Kiel. Foto: dpa

Die Heimkehr hatte sich Willi Holdorf anders vorgestellt. Der Zehnkampf-Olympiasieger von 1964, der bis Sonntag im Urlaub auf Teneriffa war, wurde am Abend durch einen Anruf aufgeschreckt. Die Staatsanwaltschaft durchsuche die Geschäftsstelle des THW Kiel, erfuhr er. Holdorfs Ehefrau Sabine, welche die Geschäftsstelle leitet, fuhr zur THW-Zentrale. Die Angestellte vor Ort sei „mit den Nerven total am Ende“, berichtete Holdorf, der seit 1992 als THW-Gesellschafter fungiert. Er selbst macht einen ziemlich fassungslosen Eindruck. „Ich kann mir das alles nicht vorstellen, das klingt für mich alles unglaubwürdig.“

Für die Staatsanwaltschaft Kiel aber ist der Anfangsverdacht gegeben. Die Behörde ermittelt gegen THW-Geschäftsführer Uwe Schwenker wegen des Verdachts der Untreue und gegen Kiels ehemaligen Trainer Noka Serdarusic wegen des Verdachts der Beihilfe zur Untreue. Auslöser für die Untersuchungen war unter anderem ein Bericht des „Spiegel“. Demnach soll der THW Kiel seit dem Jahr 2000 mindestens zehn Spiele in der Champions League verschoben haben, darunter das Finalrückspiel 2007 gegen die SG Flensburg-Handewitt (29:27). 96 000 Euro soll allein dieses Spiel gekostet haben. Das sollen Serdarusic und seine Frau Mirjana in einem Gespräch mit Thorsten Storm, dem Manager der Rhein-Neckar Löwen, Löwen-Gesellschafter Jesper Nielsen und einem Löwen-Anwalt berichtet haben. Schwenker und Serdarusic, die als Drahtzieher fungiert haben sollen, haben die Vorwürfe mehrfach abgestritten.

Doch Nielsen sagte dem „Mannheimer Morgen“: „Ich kann bestätigen, dass mir von Serdarusic Casino-Belege und Kontoauszüge gezeigt wurden, die den THW belasten.“ Auch Storm und der Anwalt hätten diese Belege gesehen. „Als ich das gesehen habe, war ich schockiert. Ich konnte das kaum glauben. Ich liebe diesen tollen Sport, den ich selbst jahrelang betrieben habe“, wird Nielsen weiter zitiert: „Aber offensichtlich hat sich der Handball in eine Richtung verändert, die niemand für möglich gehalten hätte. Das macht mich traurig.“

Nielsen räumte zudem ein, schon etwas länger von den möglichen Manipulationen gewusst zu haben. Das Treffen in Kiel mit Serdarusic, Storm und dem Anwalt habe erst nach einer Unterredung stattgefunden, die er mit Kiels Manager Uwe Schwenker am Rande der WM in Kroatien geführt hätte. „Schwenker hat mir gegenüber zugegeben, dass es Manipulationen gegeben hat“, sagte der Däne.

Der in Kiel entlassene Serdarusic hatte bei Löwen bereits einen Vertrag unterschrieben, diesen aber wieder aufgelöst – angeblich aus gesundheitlichen Gründen. Zuletzt war aber durchgedrungen, dass die Löwen wegen der Bestechungsvorwürfe auf die Verpflichtung verzichtet haben sollen.

Neben der Geschäftsstelle wurden auch Privatwohnungen durchsucht. Laut „Spiegel Online“ wurde Schwenker am Hamburger Flughafen durchsucht, als er mit Kiel vom Champions-League-Spiel bei Ciudad Real zurückkehrte.

Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, dann wären mindestens sechs, vielleicht sogar acht Schiedsrichterpaare internationalen Formats an den Verschiebungen beteiligt gewesen – und damit stünden mindestens 30, 40 oder sogar noch mehr Spiele unter Korruptionsverdacht. Und nicht nur in der Champions League. Denn die Schiedsrichter dieses Wettbewerbs unterscheiden sich kaum von denen bei Europa- und Weltmeisterschaften. (mit dpa).

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