Sport : Verdächtige Sprünge

Dopinggerüchte begleiten die Auftritte der Leichtathletin Marion Jones

Jörg Wenig[Athen]

Der Star der Olympischen Spiele von Sydney spielte beim ersten Auftritt im Olympiastadion von Athen nur eine Nebenrolle. Als die dreifache Olympiasiegerin von 2000 in der Weitsprung-Qualifikation Anlauf nahm zu ihrem ersten Versuch, reagierten die Zuschauer verhalten. Marion Jones landete hinter der 7-m-Marke, hatte allerdings leicht übergetreten – symbolisch für ihre Situation. Denn viele Beobachter glauben, dass sich die US-Amerikanerin jenseits der legalen Grenzen der Leichtathletik bewegt. Wenn von Marion Jones dieser Tage die Rede ist, dann passiert das selten ohne das Wort „Doping“.

Jones qualifizierte sich für das Weitsprung-Finale am Freitag, sie landete nach ihrem ungültigen Versuch im zweiten Versuch bei 6,70 Meter. Auf den dritten Versuch verzichtete sie. Schließlich wartete in den Katakomben des Olympiastadions noch eine andere Herausforderung auf die 28-Jährige: Dort warteten die US-amerikanischen Journalisten – und zwar nicht wenige. Wo Jones stand, ging es zu wie in einer New Yorker U-Bahn während des Berufsverkehrs.

Vergangenes Jahr, als Jones eine Babypause eingelegt hatte, kam der Dopingskandal um das kalifornische Labor Balco ins Rollen. Auch Jones stand auf der Kundenliste dieses Labors. Angeblich soll Jones getrickst haben und Vortests gemacht haben, um ihren Hormonpegel zu bestimmen und sich im Falle positiver Ergebnisse von einem Wettkampf zurückziehen zu können. Zudem laufen auch Ermittlungen gegen Jones’ Freund, den 100-m-Weltrekordler Tim Montgomery. Ihm droht eine lebenslange Sperre. Es ist erst gut einen Monat her, dass der frühere Ehemann von Marion Jones, der Kugelstoßer C. J. Hunter, aussagte, er habe beobachtet, wie seine Frau Dopingmittel benutzte. Jones wehrt sich vehement gegen alle Verdächtigungen.

Nun also, in den Katakomben des Athener Olympiastadions, sprach Jones mit der US-Presse – allerdings nicht über den Fall Balco. „Die Dinge sind anders als vor vier Jahren, ich bin in einer ganz anderen Situation“, sagte Jones, die vor vier Jahren über 100 sowie 200 Meter und in der 4x400-m-Staffel Gold gewonnen hatte. Doch bei den US-Olympiaausscheidungen hatte sie sich über 100 Meter nicht für Athen qualifiziert, hatte zudem nach schwachem Vorlauf auf ihre 200-Meter-Halbfinalteilnahme verzichtet. Im Weitsprung jedoch gehört sie in Athen zu den Favoritinnen. „Ein bisschen geht es um Gold. Aber mehr geht es darum, das Bestmögliche zu geben mitten in einem höllischen Jahr“, sagte sie.

Nach der Weitsprung-Qualifikation hat der US-Leichtathletik-Verband bekannt gegeben, dass Jones auch in der 4x100-m-Staffel laufen wird. Ob sie Angst habe, eine mögliche Staffel-Medaille zurückgeben zu müssen, falls Jones danach des Dopings überführt werden sollte, wurde Lauryn Williams gefragt. „Nein“, antwortete die 100-m-Silbermedaillengewinnerin von Athen, „die Trainer entscheiden über die Aufstellung. Ich vertraue ihnen.“ Andere halten es da nicht so mit dem Vertrauen in Jones. 400-m-Weltrekordler Michael Johnson etwa warnt Williams und Kolleginnen, mit der des Dopings verdächtigten Läuferin an den Start zu gehen. „Tut das nicht. Warum wollt ihr dieses Risiko eingehen?“, fragte Johnson.

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