Sport : Verdichtete Dramatik

Nazon siegt, McEwen führt und Mayo fällt zurück

Sebastian Moll

Wasquehal - Die klassischen Eintagesrennen des Radsports unterliegen einer anderen Dramaturgie als Etappen auf einer Rundfahrt – das Geschehen ist hektischer, nervöser und gedrängter. Um sich vor der Tradition der großen Frühjahrsrennen im französisch-belgischen Grenzgebiet zu verneigen, fädelte die Tour de France am Dienstag für ein paar Kilometer auf deren Strecke ein. Prompt bekam sie auch die verdichtete Dramatik dieser Rennen. Der Mitfavorit Iban Mayo verlor durch einen Sturz jegliche Hoffnungen auf seinen Tour-Sieg, Jens Voigt kämpfte sich mit einer erneuten Flucht über 163 Kilometer bis auf neun Sekunden an das Gelbe Trikot heran, und am Ende verlor Erik Zabel im Spurt die Etappe nur knapp gegen den Franzosen Jean-Patrick Nazon. Und dann gab es noch einen neuen Träger des Gelben Trikots: Rang drei und die dafür erhaltenen acht Sekunden Zeitgutschrift reichten dem Australier Robbie McEwen dafür.

Die Tour-Organisation hatte seit 1980 das Fahrerfeld nicht mehr auf die 200 Jahre alten Karrenwege im tristen Norden Frankreichs gejagt, die das Charakteristikum von Paris – Roubaix sind. Damals waren die Fahrer noch 20 Kilometer über den kantigen Untergrund gehoppelt, das mutet man heute den Fahrern nicht mehr zu. Dennoch hatten vor allem die Favoriten auf den Gesamtsieg Angst vor den nur vier Kilometern Pflasterstein in diesem Jahr – und das zu Recht, wie sich herausstellte. Die „Secteurs Pave“ bergen nicht nur eine unkalkulierbare Sturz- und Verletzungsgefahr, sie reißen darüber hinaus das Rennen auseinander und machen es unübersichtlich.

So weitete sich der Sturz von Iban Mayo kurz vor dem Kopfsteinpflasterabschnitt in der Nähe der Ortschaft Hornaing zu einer wahren Katastrophe aus. Als die US-Postal-Mannschaft von Lance Armstrong davon Wind bekam, hängten sich die beiden Klassikerspezialisten des Teams, George Hincapie und Wjatscheslaw Jekimow vor das Feld und preschten so schnell über das derbe Pflaster, dass der Rückstand auf Mayo rasch auf beinahe vier Minuten anwuchs. Erik Zabel und Jan Ullrich konnten Armstrong und seinen Leuten folgen, und so kann Mayo auch Ullrich bei dieser Tour wohl kaum mehr ernsthaft gefährden. Angesichts der Tatsache, dass Lance Armstrong im vergangenen Jahr die Tour gewann, weil Ullrich auf ihn gewartet hatte, war das unbarmherzige Ausnutzen des Missgeschicks eines Kontrahenten indes keine Geste, die Armstrong viel Sympathie einbringen wird.

Kurz darauf holte die Gruppe mit Armstrong, Ullrich und Zabel die beiden Ausreißer Jens Voigt und Bram de Groot ein. Damit machten sie Voigts Hoffnung zunichte, schon einen Tag vor dem Mannschaftszeitfahren das Gelbe Trikot zu übernehmen. Im Sprint zeigte Erik Zabel im Gegensatz zu den beiden vorangegangenen Tagen alte Klasse und verpasste den Tagessieg nur um Zentimeter. Zabel hatte die Tour über Klassiker-Terrain gefallen: „In der letzten Woche müssen wir Sprinter auch jeden Tag über die Berge. Da können die Bergfahrer auch einmal über Kopfsteinpflaster fahren“, feixte er im Ziel über die Angst der Klassement-Fahrer vor der holprigen Fahrt.

Iban Mayo fiel auf Rang 101 zurück. Mit zerrissener Hose und blutverschmierten Beinen stand er Minuten nach seiner Niederlage am Bus seines baskischen Euskatel-Teams: „Damit habe ich die Tour verloren“, erklärte er frustriert. Der Berliner Jens Voigt dagegen ist zum zweiten Mal hintereinander zum „Kämpfer des Tages“ gekürt worden.

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