Sport : Verdrehte Perspektive

Sawtschenko und Szolkowy haben nach den Turbulenzen um Trainer Steuer kaum noch Medaillenchancen

Christiane Mitatselis[Turin]

Eiskunstläuferinnen sind bei ihren Auftritten gerne stark geschminkt, das grelle Licht in den Eishallen macht schließlich blass. Irgendwie ist das Make-up auch ein Art Schutzmaske in der harten Welt der Kampfgerichte. Aljona Sawtschenko hat sich am Samstagabend besonders kräftig angemalt, doch ihre Verzweiflung kann sie hinter der Farbe nicht verbergen. Sie verdreht ihre künstlich bewimperten Augen. Sie sagt, sie sei sprachlos. Dann fügt sie hinzu: „Wie soll man gut trainieren, wenn man so viel denken muss?“ Der Wirbel um den stasibelasteten Trainer Ingo Steuer war zu viel für die 22-Jährige. Es sei „so stressig“ gewesen, „so stressig“, sagt sie.

Platz sieben belegten Sawtschenko und ihr Partner Robin Szolkowy am späten Samstagabend vor 7000 Zuschauern im Turiner „Palavela“ im olympischen Kurzprogramm der Paare. Der Auftritt des Chemnitzer Duos war nicht schlecht, aber auch nicht perfekt. Sawtschenko stolperte beim dreifachen Wurf-Salchow, sie musste kurz aufs Eis fassen. Außerdem gerieten die Pirouetten nicht synchron. In dem ungemein stark besetzten Olympia-Wettbewerb hätte das Paar fehlerfrei laufen müssen, um das angestrebte Ziel erreichen zu können, eine olympische Medaille. Ob die führenden Weltmeister Tatjana Totmianina und Maxim Marinin, die zweitplatzierten Chinesen Dan und Hao Zangh oder die Altmeister Maria Petrowa und Alexej Tichonow aus Russland auf Position drei – alle liefen sie makellos. In der Kür am Montag können Sawtschenko und Szolkowy bei optimaler Leistung noch ein, zwei Plätze gutmachen. Mehr aber wohl nicht.

Fehler passieren, und ein fünfter oder sechster Platz in Turin wäre kein so schlechtes Ergebnis für Sawtschenko und Szolkowy. Doch offensichtlich haben die EM-Zweiten angesichts der Turbulenzen der vergangenen Wochen mehr von sich erwartet. Für ihren Trainer Steuer, zu dem die beiden ohne Vorbehalte stehen, wollten sie eine Medaille holen. Dazu kam Druck, den die Deutsche Eislauf-Union (DEU) auf die Athleten ausübte. DEU-Präsident Reinhard Mirmseker hatte häufig genug betont, dass er sich eine Medaille von seinem Traumduo wünsche. Schließlich braucht der klamme Verband dringend Fördergeld. Außerdem wurde die gebürtige Ukrainerin im Januar mit einer Sondergenehmigung eingebürgert, um den Olympiastart möglich zu machen.

Steuer, den das Nationale Olympische Komitee (NOK) wegen seiner Spitzeldienste für das Ministerium für Staatssicherheit der DDR aus dem deutschen Team für Turin hatte streichen wollen, sah mindestens so angespannt aus wie seine Sportler. „Was die beiden heute gezeigt haben, ist nach den letzten Wochen eine tolle Leistung“, sagte der 39-Jährige, der seinen Olympiastart kurzfristig vor Gericht eingeklagt hatte. Der Frage, ob er sich – im Sinne seiner Athleten – immer wieder so verhalten würde, wich Steuer aus.

Der Abend des Kurzprogramms war anstrengend für das deutsche Paar – nicht nur wegen des Medienrummels. Die 20. Startposition wurde ihnen zugelost, es war die letzte. Während der mehr als zwei Stunden, die Sawtschenko und Szolkowy auf ihren Auftritt warten mussten, zeigte die Weltelite Höchstschwierigkeiten. Dem amerikanischen Paar Rena Inoue und John Baldwin gelang der erste dreifacheWurf-Axel in einem großen internationalen Wettkampf. Zhang und Zangh präsentierten sich ebenfalls in Bestform: dreifacher Wurf-Rittberger, dreifacher Salchow, akrobatische Hebefiguren und Pirouetten.

Just vor den Deutschen starteten Totmianina und Marinin, die weltmeisterlichen Russen mit dem Hang zur Perfektion. Ihnen gelang alles. Dreifacher Wurf-Rittberger, dreifacher Toeloop, russische Eleganz. Sie gingen mit 68,64 Punkten vor Zhang/Zhang (64,72) in Führung. Hätten Sawtschenko und Szolkowy nun ihre bisherige Bestleistung von 64,46 Punkten erreicht, so hätten sie die drittplatzierten Petrowa und Tichonow überholt. Es begann gut, den dreifachen Toeloop absolvierten beide einwandfrei. Doch dann patzte Sawtschenko beim Wurf-Salchow.

Aufgeben will die 22-Jährige nicht: „Ich kämpfe bis zuletzt“, sagt sie.

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