Sport : Vereinigte Verunsicherung

Beim desolaten Spiel gegen Arminia Bielefeld hat es Hertha BSC nur Torhüter Kiraly zu verdanken, dass es wenigstens ein 0:0 gibt

Klaus Rocca

Berlin. Huub Stevens eilte, die Pfiffe noch im Ohr, nach Hause, um seine Grippe auszukurieren. „Dieses Spiel war wohl nicht die richtige Medizin für ihn“, sagte sein Assistent Holger Gehrke, der den Cheftrainer von Hertha BSC auf der Pressekonferenz vertrat. Stevens wäre zu empfehlen gewesen, nach der Heimkehr einen doppelten Cognac zu trinken, um den Ärger runterzuspülen. Ärger über eine desolate Leistung seiner Mannschaft. Anstatt erstmals den dritten Bundesliga-Sieg in Folge zu feiern, quälte man sich zu einem torlosen Unentschieden gegen den Aufsteiger Arminia Bielefeld, der mit 22 Gegentoren so viele Treffer auf fremden Plätzen kassiert hat wie kein anderer Erstligist. „Ich bin maßlos enttäuscht“, sagte Gehrke.

Damit stand er nicht allein. 30 000 Zuschauer im Olympiastadion machten schon früh ihrem Unmut Luft. Rufe wie „Wir wollen euch kämpfen seh’n“ fruchteten nicht. „Gekämpft haben wir ja, aber leider ist uns nicht viel eingefallen, wie wir die Bielefelder Abwehr hätten knacken können“, gestand Mittelfeldspieler Thorben Marx.

Gehrke wusste, wie die massive Abwehr zu durchbrechen war: „Mit Spiel über die Flügel und präzisen Flanken.“ Nur, der Mannschaft schien das Rezept nicht bekannt zu sein. Wie so oft wurden kaum Angriffe über die Außenpositionen gestartet. Aber wenn selbst Eckbälle so schlecht getreten werden, dass die gegnerische Deckung die Bälle mühelos abfangen kann, darf man sich über die Erfolglosigkeit nicht wundern. Gehrke: „Wir haben leider auch bei Standardsituationen versagt.“ Angesprochen fühlen durfte sich dabei auch Marcelinho, dessen Eckbälle nach wie vor meist beim Gegner landen.

Der Brasilianer ist derzeit weit von seiner Bestform entfernt. Und wenn Marcelinho schwächelt, dann schwächelt die ganze Mannschaft. Zuletzt sprang sein Landsmann Alex Alves mit Toren und guten Vorlagen ein. Gestern war von ihm nicht viel zu sehen. Alves musste , leicht angeschlagen, vorzeitig den Platz verlassen. Sein Landsmann Luizao durfte nicht einmal bei dieser Gelegenheit auf den Rasen. Stevens bevorzugte den Polen Bartosz Karwan. Der brachte genauso wenig Belebung ins Spiel wie der Belgier Bart Goor. Der war für den nach langer Zeit wieder einmal aufgebotenen Stefan Beinlich eingewechselt worden. Dabei hatte Goor zuletzt gegen Porto völlig danebengelegen, und gestern fiel er nur dadurch auf, dass er zehn Sekunden nach seiner Einwechslung die Gelbe Karte sah. Die hat Michael Hartmann in dieser Saison schon fünfmal gesehen, sodass er am kommenden Sonntag für das Spiel beim Hamburger SV gesperrt ist. Darin eine Schwächung der Mannschaft zu sehen, fällt schwer.

Es war ein Festival der Fehlpässe, das die frierenden Zuschauer über sich ergehen lassen mussten. Schnell griff die Verunsicherung um sich, risikoloses Kurzpassspiel war angesagt. „Wir haben Aggressivität vermissen lassen und zu viele Zweikämpfe verloren“, kritisierte Manager Dieter Hoeneß. Vielleicht hatten sich die Herthaner selbst zu sehr unter Druck gesetzt. „Wir haben in den Tagen vor dem Spiel immer wieder davon gesprochen, dass wir nun endlich mal drei Siege hintereinander holen können. Das hat uns nicht gut getan“, sagte Mittelfeldspieler Pal Dardai.

Es war Dardais ungarischer Landsmann Gabor Kiraly, der als Einziger auf Berliner Seite höheren Bundesliga-Ansprüchen gerecht wurde. Ihrem Torhüter hatten es die Herthaner zu verdanken, dass sie wenigstens einen Punkt holten. Als Mamadou Diabang allein auf ihn zulief und platziert schoss, drehte Kiraly den Ball an den Außenpfosten, bei einem Fernschuss von Bernd Rauw hielt Kiraly ebenfalls glänzend. Kurz vor Schluss wäre er wahrscheinlich doch machtlos gewesen, doch Christoph Dabrowski brachte es fertig, den Ball aus Nahdistanz nicht im Tor unterzubringen.

„Wir hatten zwei hundertprozentige Torchancen, hätten durchaus 3:1 gewinnen können“, sagte Bielefelds Trainer Benno Möhlmann. Eine Niederlage vor dem Rückspiel am Donnerstag in Porto hätte Hertha noch mehr verunsichert. Aber auch so ist Stevens als Psychologe gefragt. Dabei hat er derzeit mit sich selbst genug zu tun.

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