Sport : Vereint in guter Hoffnung

Ganz Südafrika feiert die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2010

Wolfgang Drechsler[Kapstadt]

Nach außen hin Bescheidenheit, nach innen unbändiger Stolz, der sich im Laufe des Tages in überschäumende Freude verwandelte: Südafrika ist nach dem klaren Sieg im ersten Wahlgang bei der Vergabe der Fußball-WM 2010 am Ziel. Als Sepp Blatter, der Präsident des Fußball-Weltverbandes Fifa, um 12.25 Uhr in Zürich die Karte mit der Aufschrift „South Africa“ aus dem Umschlag zog, gingen seine Worte auf vielen Plätzen Südafrikas in einem Jubelsturm unter.

Eine Gruppe Jugendlicher, die in Kapstadt unter einer großen Fernsehleinwand ausgelassen tanzte, rief immer wieder den Namen von Ex-Präsident Nelson Mandela, dem viele den klaren Sieg im ersten Wahlgang zuschreiben. Mandela war der Einzige, der inmitten der Jubelorgien Haltung bewahrte und zunächst den Verlierern Marokko und Ägypten kondolierte. Für sie waren die Worte des afrikanischen Freiheitskämpfers nur schwacher Trost: Angesichts des eingeführten Rotationsprinzips wird Afrika frühestens 2034 wieder mit der Ausrichtung einer Fußball-WM an der Reihe sein.

Vor vier Jahren war Südafrika in letzter Minute auf der Zielgeraden von Deutschland abgefangen worden – und anschließend in eine nationale Depression verfallen. Gestern konnte das Land die damals ausgefallenen Feierlichkeiten nachholen. Auch in den Firmenetagen Südafrikas wurde der Sieg begeistert aufgenommen. „Die Ausrichtung des Weltcups könnte der Wirtschaft viel Rückenwind geben“, sagte Kevin Wakeford, der frühere Chef der südafrikanischen Handelskammer. Einige Volkswirte prophezeien die Schaffung von 150 000 neuen Jobs, die das Land bei einer Arbeitslosenquote von fast 40Prozent auch bitter benötigt. Andere sprechen von Auslandsinvestitionen in Milliardenhöhe. Fast drängt sich ob all der Superlative der Eindruck auf, allein der Fußball könne Südafrika aus der wirtschaftlichen Stagnation befreien und das Wachstum von kaum zwei Prozent auf die angestrebten sechs Prozent steigern. Doch bisher hat kaum eine Studie den langfristigen Nutzen sportlicher Großereignisse nachgewiesen, konstatiert Stefan Szymanski, Ökonom am Londoner Imperial College.

Präsident Thabo Mbeki bezeichnete die Vergabe der WM an sein Land als einen großartigen Tag für den gesamten Kontinent und seine 700 Millionen Menschen. Mbeki ist auch der Meinung, dass der Zuschlag für das nationale Selbstbewusstsein in Südafrika und die Harmonie zwischen den Rassen von großer Bedeutung ist.Tatsächlich spielt der Fußball in einer Gesellschaft mit einer hohen Verbrechensrate wie in Südafrika eine wichtige Rolle. Die größten Fußballstars sind vielerorts zu Vorbildern geworden: Sie drängen die Jugendlichen, die Schule zu besuchen, keine Verbrechen zu begehen und sexuell verantwortlich zu handeln, um nicht an Aids zu erkranken.

Die Tatsache, dass Südafrika bisher nur Ausrichter bei „weißen“ Events wie dem Rugby-Weltcup und der Cricket-WM ist, hat unter vielen schwarzen Fußballfans Ressentiments gegenüber der Fifa geschürt. Die Vergabe der WM aber ist ein Beweis dafür, dass Fußball nicht nur ein Sport der Weißen ist.

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