Sport : Verfahren mit Donnerhall

Frank Bachner

Warum der Prozess gegen Ewald / Hoeppner schon nach ein paar Minuten spektakulär unterbrochen werden könnteFrank Bachner

Kurz nach neun Uhr wird Rechtsanwalt Jan Mohr aufstehen im Saal 501 des Landgerichts Moabit. "Hohes Gericht", wird der Vertreter der Nebenklage sagen, "ich beantrage eine Unterbrechung des Verfahrens. Die Nebenklage hatte nicht genügend Zeit, sich in die umfangreichen Akten einzulesen." Dann wird der Vorsitzende Richter Stefan Neuhaus sich mit seinen Beisitzern und den beiden Schöffen in das Beratungszimmer zurückziehen. Nach ein paar Minuten wird er wieder auftauchen und verkünden: "Das Verfahren wird für zehn Tage unterbrochen." Und der spektakulärste Doping-Prozess, das Verfahren gegen die beiden Chef-Doper Manfred Ewald und Manfred Hoeppner, Drahtzieher des DDR-Doping-Systems, hat seinen ersten Donnerhall. Und seinen Skandal.

So könnte es kommen am nächsten Dienstag. So könnte der Prozess erstmal enden, nach ein paar Minuten, vor den Augen der Weltpresse. Ausgerechnet das Verfahren gegen Ewald, den Präsidenten des Deutschen Turn- und Sportbundes, und gegen Hoeppner, den Stellvertretenden Leiter des Sportmedinzinischen Dienstes. "Die Chancen, dass die Nebenklage mit einem Unterbrechungsantrag Erfolg haben wird", erklärte ein Vorsitzender Richter am Landgericht Moabit, "die sind sehr groß."

Weil geschlampt wurde, weil unglückliche Umstände zusammentrafen, weil jemand falsch gerechnet hatte. Die wahren Gründe sind derzeit schwer aufzuspüren; der allein zuständige Richter Neuhaus ist derzeit krank. Entscheidend aber ist, dass Nebenkläger Jan Mohr aus Hamburg gerade mal rund drei Wochen Zeit hat, um 8000 Blatt Papier, zusammengefasst in 30 Ordnern, durchzuarbeiten. Drei Wochen um die Fakten zu strukturieren und mit seiner Mandantin Catherine Menschner durchzusprechen. Und der wichtigste Teil der Akten, die Vernehmungsprotokolle von Hoeppner, hatte er bis gestern gar nicht. "Diese Frist ist ungewöhnlich kurz", sagt Peter Faust, Vorsitzender Richter der 22. Strafkammer in Moabit. Faust hatte den Doping-Prozess gegen den Verbandsarzt Lothar Kipke geleitet. "Normalerweise haben die Prozessbeteiligten alle Unterlagen vier Wochen vor Prozessbeginn. Vor allem, wenn es so viele sind", sagt Faust. Mohr überlegt derzeit, ob er eine Unterbrechung beantragen soll.

Das frühere Dopingopfer Menschner hatte schon 1996 ihr Interesse als Nebenklägerin erklärt. Daraufhin erhielt ihr Anwalt Mohr Akten, welche das Doping-Opfer Mensncher betrafen, aber keine Unterlagen über Beschuldigte. Am 16. Februar 2000 fragte Richter Neuhaus dann Mohr per Fax, ob der Anwalt immer noch als Nebenkläger-Vertreter auftreten wolle. Ja, faxte Mohr am 18. Februar zurück. Dann passierte gar nichts. Mohr fragte am 30. März nach, dann ging alles schnell. Am 6. April wurde er als Nebenklage-Vertreter zugelassen, aber die Akten musste er in Berlin kopieren. Nach dem Kopieren stellte er dann fest, das die Hoeppner-Vernehmung fehlte.

Mohr ist nun in einem Dilemma. Sollte er eine Unterbrechung beantragen und Neuhaus lehnt ab, könnte er einen Befangenheitsantrag gegen den Richter stellen. Sollte der Antrag durchgehen, ist der Prozess erstmal geplatzt. Und Ewald und Hoeppner blieben dann unbehelligt, zumindest dann, wenn sie nicht gestehen. Am 3. Oktober verjährt der Doping-Komplex endgültig, bis dahin ist ein neues Verfahren kaum zu stemmen. Doch Mohr will natürlich ein Urteil.

Und noch etwas empfindet Mohr als überaus merkwürdig. Der Prozess ist nur auf einen Verhandlungstag angesetzt. Ein paar Stunden in einem Verfahren mit 140 Fällen von Körperverletzung und mit 15 Nebenklägern. "Das deutet auf eine Absprache zwischen Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung hin", sagt Mohr. Das deute auch auf ein Geständnis von Ewald und Hoeppner hin. "Nur, in den Unterlagen, die ich habe, ist von einem Geständnis Ewalds nichts zu finden." Und "in eine Absprache", sagt Mohr, "ist die Nebenklage nicht einbezogen."

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