Verfolgungsjagd am Meer : Auf Valencias Stadtkurs beginnt eine neue Ära

Die Formel 1 drängt in die Städte. Der neue Kurs in Valencia ist nur der Anfang. Singapur und Abu Dhabi folgen bald.

Christian Hönicke[Valencia]
Formel 1 - GP Valencia - Felipe Massa Foto: dpa
Stadtfahrt Der neue Kurs liegt am Hafen.Foto: dpa

Es war an der Zeit, dass Valencia einen Formel-1-Grand-Prix erhält. Der Kurs vor den Toren der spanischen Hafenstadt erfreut sich seit Jahren als Teststrecke der Teams und auch als Motorrad-WM-Kurs großer Beliebtheit. Allein, wenn der Große Preis von Europa am Sonntag (14 Uhr/live bei RTL und Premiere) gestartet wird, wird auf dem Circuito Ricardo Tormes kein Motorengeheul zu hören sein. Die Formel-1-Boliden rasen stattdessen in Valencias Hafenbecken umher. Die Verfolgungsjagd am Meer leitet eine neue Ära in der Formel 1 ein. Nach Jahren der Orientierung hin zu weitläufigen Streckenarealen steuert Bernie Ecclestone seine Renner nun in der Stadt.

Der Grand Prix in Valencia ist der erste echte neue Stadtkurs seit der Aufnahme von Melbourne in den Rennkalender 1996. Und er wird nicht der letzte sein: Später in der Saison wird die Formel 1 unter Flutlicht ihren Einstand in Singapur geben, nächstes Jahr wird im Hafen von Abu Dhabi Gas gegeben. Außerdem träumt Ecclestone seit langem von Vollgasfahrten durch Paris, London, Moskau und seit kurzem auch Las Vegas.

100 000 Zuschauer auf mobilen Tribünen

Hintergrund dieses Richtungswechsels ist vor allem die Sorge um die Motoren des Spektakels – Zuschauer, Vips und Sponsoren. „Es ist doch toll, das Hotel zu verlassen und sofort an der Strecke zu sein“, sagt Ecclestone. BMW-Teamchef Mario Theissen pflichtet ihm bei: „Wir brauchen zwar die traditionellen Strecken wie den Nürburgring, die die Formel 1 zu dem gemacht haben, was sie ist. Aber es ist auch gut, dahin zu gehen, wo schon hunderttausende Menschen leben. Dort ist es leichter, Leute an die Strecke zu kriegen und Unterkünfte für Besucher zu finden.“

Die permanente Rennstrecke vor den Toren Valencias war für dieses Ansinnen nicht städtisch genug. Also ließ Ecclestone von seinem Hofbaumeister Hermann Tilke, der unter anderem auch den Hockenheimring umgestaltete, für 80 Millionen Euro eine temporäre Strecke im America’s-Cup-Hafen errichten. Vor maximal 100 000 Zuschauern auf mobilen Tribünen geht es nun auf teils vorhandenen, teils neuen Straßen und eine alte Eisenbahnbrücke 5,5 Kilometer einmal rund um das Becken. Nick Heidfeld fühlt sich daher zumindest vom Ambiente her an den Hafenklassiker überhaupt erinnert. „Der Charme des Rennens kommt Monaco am nächsten“, findet der BMW-Pilot.

Ein Stück Land in der Stadt

Vom Cockpit aus gesehen unterscheidet sich Valencia allerdings deutlich von dem winkligen Eiertanz im Fürstentum Monaco. BMW-Pilot Robert Kubica ist nicht allein mit seiner Sicht, dass Valencia „eigentlich gar kein richtiger Stadtkurs“ ist. Vielmehr hat Architekt Tilke mit „neuen Layoutlösungen“ (Theissen) ein Stück Land in die Stadt geholt. Wo der sportliche Wert Monacos aufgrund der fehlenden Überholmöglichkeiten eher zweifelhaft ist, ist Valencia „für einen Straßenkurs ungewöhnlich schnell und anspruchsvoll“, sagt Tilke. Manch einem ist das sogar zu viel Landidyll. Robert Kubica jedenfalls hätte lieber mehr Cityatmosphäre: „Die Betonwände könnten ruhig ein bisschen dichter an der Strecke stehen.“ Doch nicht nur Renault-Teamchef Flavio Briatore sieht im Stadt-Land-Modell Valencia die Zukunft seiner Branche. „Das ist der richtige Weg für die Formel 1, das gilt auch für Singapur. Mir persönlich gefällt es hier jedenfalls viel besser als in Hockenheim.“

Wenngleich die Vorzüge der Stadt in Valencia noch nicht immer voll zum Tragen kommen. Rubens Barrichello etwa wohnt eigentlich nur fünf Fußminuten von der Strecke entfernt und brauchte dennoch mehr als eine halbe Stunde bis zu seinem Arbeitsplatz. „Die Polizisten haben mich ständig nach rechts geschickt, wahrscheinlich wollten sie mich über Barcelona zum Kurs lotsen“, sagte der Honda-Pilot. So hat er immerhin eine zusätzliche Herausforderung für das Rennen am Sonntag: „Ich hoffe, dass ich diese Zeit auf 20 Minuten verbessern kann.“

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