Sport : Verfolgungsjagd

Hertha BSC fühlt sich von Schiedsrichtern benachteiligt – in letzter Zeit vor allem von Lutz Wagner

Michael Rosentritt

Berlin - Falko Götz schnappte sich gestern nach dem Training seiner Mannschaft ein Mountainbike und strampelte trotz Nieselregens ins Gelände. Einem Fernsehteam sagte der Trainer von Hertha BSC, er mache das nur, weil er wegen leichter Kniebeschwerden nicht joggen könne. Niederlagen verarbeitet er für gewöhnlich mit einem ausgedehnten Waldlauf. Aber was war aus Sicht der Berliner schon gewöhnlich am 0:2 in Cottbus? Für Hertha hatte Schiedsrichter Lutz Wagner erheblichen Anteil an der Niederlage. Falko Götz schien gut beraten, sein lockeres Workout trotz Kniebeschwerden und schlechten Wetters nicht ausfallen zu lassen. Bewegung an der frischen Luft soll helfen.

Am Morgen nach der 0:2-Niederlage beim FC Energie hatte Herthas Trainer sein inneres Gleichgewicht nur bedingt wiedergefunden. „Klar, wir haben ein schlechtes Spiel gemacht“, sagte Götz, „aber wir hatten auch einen Schiedsrichter, der mit zweierlei Maß gemessen hat“. Götz selbst hatte zehn Minuten vor Ende der regulären Spielzeit seinen Platz auf der Trainerbank verlassen und auf die Tribüne ausweichen müssen. Für Wagners Geschmack hatte er sich ein zu heftiges Wortgefecht mit dem vierten Offiziellen Harald Sather geliefert. Nach dem Spiel sagte Götz: „Ich bin eigentlich keiner, der auf den Schiedsrichter losgeht. Aber eine Gleichbehandlung habe ich über 90 Minuten vermisst.“ Aufgeregt habe ihn, dass Spielmacher Yildiray Bastürk nach einem Foul verletzt wurde und es keine Verwarnung gab. „Der Schiedsrichter hat es geschafft, mich so in Rage zu versetzen, dass ich zum ersten Mal in meiner Karriere auf die Tribüne musste.“

Auch Dieter Hoeneß fühlte sich vom 43 Jahre alten Schiedsrichter aus Hofheim benachteiligt und hatte nach dem Spiel schwere Vorwürfe erhoben. „Ich hoffe, dass Herr Wagner in den wohlverdienten Ruhestand geht“, hatte Hoeneß in einer ersten Reaktion gesagt. Direkt nach dem Abpfiff hatte Hoeneß in den Katakomben des Stadions der Freundschaft auf das Schiedsrichtergespann gewartet. Anschließend soll Hoeneß Schiedsrichter Wagner bedrängt haben. „Das war nicht zu ertragen“, polterte Hoeneß weiter. „Ich werde den DFB im Interesse aller Beteiligten bitten, das bei der Spielansetzung zu berücksichtigen. Der Herr Wagner kann Hertha nicht objektiv bewerten“, sagte er.

Der Manager des Berliner Bundesligisten fühlt sich und seine Mannschaft von Schiedsrichter Lutz Wagner und seinen Entscheidungen regelrecht verfolgt. So stützt Hoeneß seine Behauptung auf jetzt vier Spiele, in denen Wagner jeweils einige maßgebliche Entscheidungen gegen Hertha getroffen haben soll. „Das ist ja schon eine kleine Serie. Genau das macht uns Sorgen.“

Dieter Hoeneß ist in derlei Angelegenheiten schon mehrfach auffällig geworden beim DFB. Weil er sich im Mai dieses Jahres im Spiel beim 1. FC Nürnberg lautstark über Wagner beschwert hatte, wurde er vom DFB-Sportgericht wegen „unsportlichen Verhaltens“ zu 5000 Euro Geldstrafe und einem Spiel Innenraumverbot verurteilt. Lutz Wagner darf an dieser Stelle gesagt werden, dass er nicht der Einzige ist, dessen wohlverdienten Ruhestand Dieter Hoeneß herbeisehnt. Mit der gleichen Strafe war Hoeneß auch im Dezember 2005 bedacht worden, nachdem er sich abfällig über Schiedsrichter Markus Merk geäußert hatte.

Objektiv betrachtet unterliefen Lutz Wagner in Cottbus keine schweren Fehlentscheidungen. Dass Wagner Solomon Okoronkwo wegen eines versuchten Kopfstoßes des Feldes verwies, war korrekt. Was übrigens auch Falko Götz so sah. „Solomon weiß, dass er Mist gemacht hat.“ Okoronkwo habe sich bei der Mannschaft und beim Trainer entschuldigt. „Wir wollen ihm nicht sein Temperament nehmen, aber ihm schon zeigen, dass Teile seines Spiels nicht gehen.“ Okoronkwo darf die Mannschaftskasse um einen hübschen Betrag anreichern.

Die Erkenntnis, dass es in Cottbus nicht nur am Schiedsrichter gelegen haben kann, setzte sich beim Berliner Trainer am Sonntag erst allmählich durch. „Mit 70 oder 80 Prozent Einsatz kann man so einen Gegner nicht schlagen“, sagt Götz. In seinem Rücken schlich Pal Dardai davon. „Wir haben zu wenig gezeigt“, sagte der ungarische Mittelfeldspieler. „Die Schuld beim Schiedsrichter zu suchen, das haben wir nicht nötig.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben