Sport : Verführung am Hang

In Kitzbühel können Skifahrer ungewöhnlich viel Zeit gewinnen – oder verlieren, wenn zu heftig gefeiert wurde

Markus Huber

Kitzbühel. Es sind die kleinen Zeichen, die auch die Großen manchmal verraten. Bode Miller zum Beispiel, amerikanischer Skifahrer und einer der wenigen Nichtösterreicher, der die Österreicher manchmal zu ärgern vermag – mit Siegen. Bei der ersten Kitzbüheler Herren-Abfahrt am Donnerstag war er Achter geworden, doch am Freitag schwang er beim Super-G, seiner eigentlichen Spezialdisziplin, mit Verspätung ab. Miller war hoffnungslos abgeschlagen, wurde 28ster, mit 1,78 Sekunden Rückstand. Im Zielauslauf schüttelte Miller resigniert den Kopf, so als wüsste er nicht, wo der Rückstand herkommt. Und dann das Zeichen, das Miller verriet: Er zog die Handschuhe aus, und auf der linken Handoberfläche prangte, kaum zu übersehen, ein Stempel – genau so einer, wie man ihn in den Kitzbüheler Diskos statt einer Eintrittskarte bekommt. Und nachdem Bode Miller hin und wieder einmal abends länger ausgeht, kann das wohl eine Erklärung für seinen großen Rückstand am Freitag sein.

Im gesamten Weltcupzirkus der Skiherren gibt es wohl keinen anderen Ort, wo Menschen wie Miller am Abend vor dem Rennen so viel Vorsprung (und später Rückstand) herausholen können wie in Kitzbühel. Immer dann, wenn der Hahnenkamm auf dem Programm steht, wird der 8000-Einwohner-Ort zu einer einzigen Kneipe. Überall riecht es nach Glühwein, Schnaps und etwas später nach den Folgewirkungen, die nicht ausbleiben, wenn sich an die 100 000 Menschen von zehn Uhr morgens bis zum Sonnenaufgang amüsieren. Dass viele von den Rennen nur wenig mitbekommen, ist dabei unerheblich: Die Wirte im Ort machen in diesen zwei Nächten soviel Umsatz, wie sonst in zwei Monaten. Fast 45 Millionen Euro nahm die Region im vergangenen Jahr am Rennwochenende ein. Davon sind die Putztrupps am Montagmorgen leicht zu bezahlen.

Und dann sind da ja auch noch die Promis: Zusätzlich zu den Einheimischen Franz Beckenbauer und Uschi Glas pilgern nicht ganz so wichtige Menschen wie DJ Ötzi und wirklich wichtige wie Ralf Schumacher in die Stadt, um gesehen zu werden. „Monaco der Alpen“ nennt sich der Ort deswegen gerne, und zumindest an diesem Wochenende stimmt das auch. Und doch täuscht es: Denn das Hahnenkamm-Wochenende ist mittlerweile zu einer wirklichen Ausnahme in Kitzbühel geworden, an normalen Tagen ist vom „Monaco der Alpen“ wenig übrig geblieben. Statt dessen regiert die Krise: Völlig überzogene Preise in Hotels und Restaurants haben dazu geführt, dass immer mehr Gäste zur normalen Saison ausbleiben.

Ein Rahmenprogramm, wie es in den meisten anderen Orten mittlerweile üblich ist, hat Kitzbühel nur am Rennwochenende zu bieten und auch die Promis zieht es nur noch selten in den berühmten Wintersportort. Das führt dazu, dass man im Gegensatz zu früheren Jahren mittlerweile sogar noch kurzfristig und relativ problemlos Quartiere bekommen kann.

Allmählich hat in den vergangenen Jahren ein Gästeaustausch stattgefunden: Statt der zahlungskräftigen Westeuropäer wird Kitzbühel zwischen den Feiertagen immer mehr zum Zentrum für Osteuropäer. Autos aus Ungarn, Tschechien und Polen bevölkern die Appartment-Parkplätze. Sogar in den Skischulen, den Hochburgen des österreichischen Chauvinismus, können die Skilehrer mittlerweile ihre rudimentären Schwedisch-Kenntnisse gegen polnische Spezialausdrücke eintauschen.

Nicht dass das schlecht wäre, denn auch in Kitzbühel bleibt Geld immer noch Geld, egal woher es kommt, aber andererseits: Was ist für die patriotischen Tiroler ein slowakischer Internet-Unternehmer verglichen mit einem Thomas Haffa, selbst wenn der pleite ist? Die Kitzbüheler Krise hat mittlerweile auch vor der Politik nicht Halt gemacht. Wenn am 7. März der neue Bürgermeister gewählt wird, dann hat ein Mann beste Chancen, den man sonst nur auf der Skipiste vermuten würde: Die Skilegende Toni Sailer kandidiert für das Amt, und programmatisch verspricht er den Kitzbühelern vor allem eines – den alten Glanz zurück zu holen. Allgemein wird damit gerechnet, dass er nach dem Wahltag tatsächlich im Kitzbüheler Rathaus sitzen wird.

Zumindest auf der Piste hält die alte Ordnung freilich noch an: Den Super-G am Sonntag gewann der Amerikaner Daron Rahlves vor drei Österreichern. Mit Jerzej Rebersak, einem 27-jährigen Slowenen, landete der beste Osteuropäer auf Platz 31.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben