Sport : Vergebene Mühe

Schalke beherrscht Hoffenheim über 90 Minuten und verliert dann noch 2:3 in der Nachspielzeit.

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Glücksmoment. Hoffenheims Kapitän Tim Wiese und Abwehrspieler Daniel Williams freuen sich über den kaum noch für möglich gehaltenen Sieg gegen Schalke 04. Foto: dpa
Glücksmoment. Hoffenheims Kapitän Tim Wiese und Abwehrspieler Daniel Williams freuen sich über den kaum noch für möglich...Foto: dpa

Sinsheim - Am Redefluss von Huub Stevens lässt sich gut ablesen, wie sehr ihn ein Spiel ärgert. Die Satzmenge des Niederländers verhält sich dabei antizyklisch. Nach dem 2:3 (1:1) der Schalker bei der TSG Hoffenheim sagte Stevens drei knappe Sätze, was Beleg dafür war, wie sehr ihn die erste Niederlage nach acht Siegen in Folge beschäftigte.

„Wenn man in der zweiten Hälfte seine Chancen nicht nutzt, kann man ein Spiel verlieren, so wie heute“, sagte Stevens. Drei Tage vor dem Duell in der Champions League gegen den FC Arsenal fiel es manchem Schalker schwer, schlüssige Erklärungen zu finden. Zu präsent war in dem Moment die Szene aus der 91. Minute, als der eingewechselte Sven Schipplock vor 30 150 Zuschauern den Siegtreffer erzielte. Dem 1:0 durch Kevin Volland, folgte das 1:1 durch Roman Neustädter per Kopf. Bis zur Pause besaß Schalke 75 Prozent Ballbesitz, was deren Überlegenheit eindrucksvoll zeigt. Nach dem Foulelfmeter-Tor von Roberto Firmino (Matip an Volland) gelang dem Japaner Atsuto Uchida schließlich sogar das 2:2. Und Schalke schien die Begegnung wenigstens mit einem Teilerfolg beenden zu können. Bis Schipplock die Mannschaft von Stevens in tiefe Ratlosigkeit stürzte.

Schalkes Manager Horst Heldt war von der Wucht der plötzlichen Niederlage ebenfalls beeindruckt und wollte auf der Heimfahrt umfassend nachdenken. „Wenn wir vorne einen schlechten Tag haben, haben wir überall Probleme“, sagte er. Neu sei das Problem nicht. „Von alten Verhaltensmustern will ich nicht sprechen, aber wir kennen das“, analysierte Heldt. Ähnliches hatte sich im Schalker Spiel gegen Düsseldorf und in der Champions League gegen Montpellier abgespielt. „Wir waren nicht konsequent genug, diese Niederlage war unnötig. Das erste und dritte Tor muss man verhindern und zur Elfmeterszene darf es nie kommen“, sagte der Manager. In bedächtigem Ton kritisierte Heldt die Reaktion seiner Mannschaft: „Wenn man einen Gegner schon so auf dem Präsentierteller liegen hat, dann muss man schauen, dass er auf dem Boden liegen bleibt.“

Was Schalkes Kapitän Benedikt Höwedes zu sagen hatte, hörte sich ähnlich selbstkritisch an. „Wir sind selbst schuld, wir haben das selbst verbockt. Nach dem 2:2 hätten wir vielleicht besser auf Unentschieden spielen sollen“, sagte der Nationalspieler. Angesichts der Chancenfülle der Schalker war die Verärgerung mehr als verständlich. In Hälfte zwei besaß Schalke zwar nur noch 65 Prozent Ballbesitz, dafür aber unzählige Chancen mehr.

Bis zur 37. Minute konnten leidenschaftliche Hoffenheimer ihre 1:0-Führung verteidigen. Volland schloss einen Konter über drei Stationen mit einem nicht unhaltbar erscheinenden Schuss ab. „Wir haben zu kurz gespielt“, klagte Stevens. Der S04-Coach meinte die oft übertrieben umständlich ausgespielten Angriffe, die sich meist in der tief gestaffelten Hoffenheimer Abwehr verfingen. Kurz vor der Pause gab Schiedsrichter Deniz Aytekin einen regulären Schalker Treffer durch Ibrahim Afellay nicht. Er sah fälschlicherweise ein Foul von Jermaine Jones. Beim elfmeterreifen Foul von Matip gegen Volland lag Aytekin dagegen richtig.

Nach der Halbzeit brachte ein überragender Tim Wiese im Hoffenheimer Tor Schalkes Angreifer mit seinen Paraden zur Verzweiflung. Der ehemalige Nationalspieler hatte bis zu dieser Begegnung zwar bereits 19 Gegentore in der aktuellen Spielzeit kassiert, war diesmal – unter den Augen von Bundestrainer Joachim Löw – aber Hoffenheims bester Mann. Löw hatte Wiese vor der Saison mehr oder weniger überraschend aus dem Nationalkader gestrichen und stattdessen Gladbachs jungen Torhüter Marc-André ter Stegen nominiert. Der ehemalige Bremer rutschte anschließend in eine Krise. „Anscheinend bin ich jetzt angekommen. Da muss man durch“, sagte ein gut gelaunter Tim Wiese. „Heute hat keiner mit unserem Sieg gerechnet.“

Hoffenheims Trainer Markus Babbel sprach zwar von einem „glücklichen“ Sieg, fügte aber zugleich hinzu: „Das muss uns ein Vorbild sein, immer alles aus uns herauszuholen. Das war unglaubliche Leidenschaft.“ Siegtorschütze Schipplock fand, „dass wir uns endlich belohnt haben“. Und auf diesen Treffer des kurz zuvor eingewechselten Hoffenheimers, der mit seinem ersten Ballkontakt in der Nachspielzeit traf, hätte Horst Heldt liebend gerne verzichtet. „Es geht nicht, einen Gegner so zu beherrschen und am Ende mit leeren Händen dazustehen“, sagte Heldt. „Heute hat bei jedem von uns etwas gefehlt.“Oliver Trust

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