Sport : Verhandlungssache

Robert Ide

Eigentlich ist die Sache ja ganz einfach. Da ist ein Fußball-Verein x, der einen Spieler y verpflichten will. Der hat allerdings einen Vertrag bei einem anderen Verein - nennen wir ihn z. Wenn x und y zusammenkommen sollen, müssen bestimmte Regeln eingehalten werden. Im Statut der Fußball-Bundesliga steht zum Beispiel: x und y dürfen nur miteinander reden, wenn sich der Vertrag des Spielers beim Verein z dem Ende zuneigt. Erst sechs Monate vor Ablauf des Kontrakts darf über einen Wechsel gesprochen werden. Soweit die Theorie, nachzulesen in Paragraf 4, Absatz 1 der gültigen Lizenzordnung für deutsche Fußballer.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Dieser Paragraf dürfte nicht mehr lange Bestand haben. Innerhalb der nächsten Wochen sollen die Statuten der Deutschen Fußball Liga (DFL) geändert werden, um offene Vertragsgespräche zwischen Spielern und Vereinen zu ermöglichen. "Mit Sicherheit wird es eine entsprechende Änderung geben", sagte DFL-Kommunikationschef Michael Pfad am Donnerstag dem Tagesspiegel. Für Pfad ist klar: "Es kann nicht sein, dass englische Vereine gute Spieler aus der Bundesliga ansprechen dürfen, deutschen Klubs das aber verwehrt bleibt. Das ist ein klarer Wettbewerbsnachteil."

Die deutschen Fußballfunktionäre sind unter Handlungsdruck geraten. Zum einen durch die Affäre um Sebastian Deisler, dessen vorzeitiger Wechsel von Hertha BSC zu Bayern München offenbar an den Statuten vorbei organisiert wurde. Zum zweiten durch den Weltfußballverband Fifa. Der hat zum 1. September ein neues Regelwerk für alle internationalen Transfers verabschiedet. Darin gibt es keine Halbjahresfrist für Vertragsverhandlungen mehr. "Wenn ein Verein Interesse an einem Spieler hat, muss er lediglich den Spieler und den anderen Verein davon informieren", sagt Fifa-Sprecher Andreas Herren. "Bei Zuwiderhandlungen setzt es eine saftige Geldstrafe." Die Höhe der Strafe ist nicht konkret festgelegt. Bislang gibt es keinen Präzedenzfall, zudem sind die neuen Schiedsgremien mit Spieler- und Vereinsvertretern noch im Aufbau. Eines steht für Herren fest: "Die alte Regelung war nicht praktikabel." In Deutschland gilt diese Regelung noch. Theoretisch.

Doch was nützt eine Regel, die keiner beachtet? Für seinen Wechsel hat Deisler bereits 20 Millionen Mark aus München kassiert - zweieinhalb Jahre vor Ablauf seines Berliner Vertrages. Der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes ermittelt wegen Zahlung eines Handgelds, die Kontrolleure pochen auf das Statut. Dass die Theorie längst von der alltäglichen Praxis überholt wurde, moniert nicht nur Sportanwalt Christoph Schickhardt. Selbst Herthas Manager Dieter Hoeneß räumt ein, dass alle Vereine an den starren Regeln vorbei agieren. "Wer sich in diesem Punkt an die Statuten hält, ist der Verlierer", sagt Hoeneß, "wenn wir uns nicht schon vorher mit Spielern unterhalten würden, hätten wir keinen Marko Rehmer im Kader". Hoeneß macht eine Pause. "Und keinen Sebastian Deisler."

In Zukunft werden sich Hoeneß und seine Kollegen nicht mehr rechtfertigen müssen. Die Bundesliga-Manager haben auf einer Tagung vor zwei Wochen über ein neues Regelwerk diskutiert und sich gegen das Verbot vorgezogener Vertragsgespräche ausgesprochen. Nun will der Ligaverband sein Statut prüfen. Der Abschaffung der Halbjahresfrist für Transferverhandlungen steht fast nichts mehr im Weg. Eine Mitgliederversammlung der DFL muss der Änderung noch zustimmen. Vielleicht schon bei der nächsten Sitzung Ende November.

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