Sport : Verkaufte Zukunft

Viele deutsche Eishockey-Klubs warten auf die Absage der NHL-Saison – aber nicht die Eisbären

Claus Vetter

Berlin - Der 14. Januar. Sehnsüchtig erwarten sie bei den Klubs der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) diesen Tag. Den Tag, an dem in Nordamerika wegen des anhaltenden Streits zwischen Klubbesitzern und Spielergewerkschaft aller Wahrscheinlichkeit nach die Saison in der National Hockey League (NHL) abgesagt wird. Dann können sie kommen, die Dollar-Millionäre, und für ein vergleichsweise geringes Salär ihre Spielpause in der DEL überbrücken. Schon jetzt rühmen sich Klubs mit ihren Kontakten nach Nordamerika. Die Iserlohn Roosters verkündeten gestern, dass der US-Amerikaner John-Michael Liles von den Colorado Avalanche für sie spielen wird – ab dem 14. Januar. Die Schnäppchenjagd hat begonnen. Aber nicht für Peter John Lee. „Ich warte nicht auf diesen Tag“, sagt der Manager des EHC Eisbären. „Mir wäre es lieber, in der NHL würde wieder gespielt.“

Damit unterscheidet sich Lee von vielen seiner Kollegen in der Liga. Er hat seine Gründe, sagt er. Seit dieser Saison versuchen die Berliner, ihr Konzept mit jungen deutschen Spielern voranzutreiben, haben als einziges DEL-Team eine Reservemannschaft in der dritten Liga, in der nur junge Deutsche spielen. 14 von ihnen kamen schon zu Einsätzen im DEL-Team. Was nun, wenn die Eisbären ihre zwei freien Ausländerstellen mit arbeitslosen NHL-Profis besetzen? Lee sagt: „Wir verkaufen doch nicht unsere Zukunft. Kommt ein NHL-Spieler, dann muss einer der jungen deutschen Spieler bis zum Saisonende auf die Tribüne. Und dann fehlen ihm vier Monate in seiner Entwicklung.“

Lee kämpft um die Zukunft seines Projekts. „Lassen wir unsere jungen Spieler für den Rest der Saison in der Oberliga spielen, senden wir damit das Signal an andere Talente im Lande, dass es sich doch nicht lohnt, kommende Saison nach Berlin zu wechseln.“ Doch wer im deutschen Eishockey eine Vision hat, der hat schnell verloren. Nicht unbedingt auf dem Eis, aber abseits der Eisfläche. Lee jedenfalls ist um sein Amt beim EHC Eisbären zurzeit nicht zu beneiden. Denn selbst sein Trainer hat doch kürzlich angekündigt, dass er mit der Verpflichtung von zwei ausländischen Spielern rechnet. „Einen Verteidiger brauchen wir in jedem Fall noch“, hat Pierre Pagé gesagt. Und dass die Geduld mit jungen deutschen Spielern, die naturgemäß nicht so oft ins gegnerische Tor treffen wie ein Spieler mit NHL-Erfahrung, im Umfeld des Klubs im Falle des Misserfolgs eher gering sein dürfte, ist Lee bewusst. Nicht nur die Fans der Eisbären wollen in dieser Saison den Titel. „Den garantieren uns aber auch keine NHL-Stars“, sagt Lee. „Verpflichten wir noch gute erfahrene Spieler, erhöhen wir nur noch den Druck, den wir ohnehin schon haben.“

Allein in der Frage der Torhüterposition lässt Lee mit sich reden. Weil für Oliver Jonas mit dem erst 18-jährigen Youri Ziffzer noch kein gleichwertiger Ersatz bereit steht. Eine Verpflichtung von Olaf Kölzig, die den Eisbären schon angedichtet wurde, werde es aber wohl nicht geben, sagt Lee. „Auch wenn der Gedanke schön ist. Aber mit dem Olaf haben wir noch überhaupt nicht gesprochen.“ Wenn, dann werde die Angelegenheit wohl eine Nummer kleiner ausgehen.

Auch beim heutigen Gegner der Berliner, den Kölner Haien (19.30 Uhr, Sportforum), wo mit Hans Zach ein anerkannter Förderer deutscher Spieler hinter der Bande steht, wird über die Verpflichtung eines Stürmers aus der NHL nachgedacht. „Wenn sie ins Gehaltsgefüge passt“, hat Trainer Zach gesagt. Kein Problem. Kölns Sportdirektor Rodion Pauels verweist auf seine Freundschaft zum ehemaligen NHL-Spieler Uwe Krupp und sagt, dass im Falle der Absage der NHL-Saison ein Stürmer zu den Haien kommen wird.

Peter John Lee kann dem aufgeregten Eifer der Konkurrenz allerdings auch etwas Positives abgewinnen: „Wenn ein 19-jähriger Verteidiger von uns in jedem Spiel gegen einen wie Marco Sturm spielen muss, ist das für ihn eine wertvolle Erfahrung.“ So gesehen unterstützt die Konkurrenz mit der Verpflichtung von NHL-Spielern das Konzept von Lee.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben