Sport : Verkrachter Volksheld

Mit 37 sprintet Kim Collins noch in der Weltspitze. Doch sein Verband will ihn nicht zur WM lassen.

Reinhard Sogl
Schmächtig schnell. Kim Collins lief kürzlich in 9,97 Sekunden neue Bestzeit. Foto: AFP
Schmächtig schnell. Kim Collins lief kürzlich in 9,97 Sekunden neue Bestzeit. Foto: AFP

Berlin - Tyson Gay fehlte entschuldigt, wenn auch mutmaßlich nicht schuldlos. Aber auch ohne die Präsenz des als Dopingsünder verdächtigen Jahresschnellsten war es für dessen US-Landsmann, dem in Sachen Manipulation erfahrenen und zwischenzeitlich vier Jahre gesperrten Justin Gatlin, ein hartes Stück Arbeit, sich am Freitag beim Diamond-League-Meeting in Monaco über die 100 Meter in 9,94 Sekunden durchzusetzen. „Ich bin bereit für die Weltmeisterschaften“, sagte Gatlin. Die Rolle des Herausforderers von Usain Bolt fällt jetzt ihm zu.

Wäre das Ziel schon nach 80 Metern erreicht gewesen, hätte der Sieger wohl Kim Collins geheißen. Jener 37 Jahre alte Dauerbrenner, der seit einer Dekade zum Sprint gehört wie ein Startblock. Letztlich wurde der Athlet aus dem Karibikstaat St. Kitts und Nevis Fünfter in 10,08 Sekunden bei leichtem Gegenwind. Weshalb die Zeit des Mannes mit dem Raketenstart fast so hoch einzustufen ist wie seine Bestmarke von 9,97 Sekunden, die der Senioren-Weltrekordler bei optimalen Verhältnissen (+2,0) vor zwei Wochen in Lausanne gerannt war – hinter Gay und dem ebenfalls positiv getesteten Jamaikaner Asafa Powell.

Die zwei Supersprinter aus dem Verkehr gezogen, der jamaikanische Weltmeister Yohan Blake aufgrund einer Verletzung verhindert – die neunte Teilnahme an einem WM-Finale in der Halle und im Freien sollte für Kim Collins eine leichte Übung sein. Collins zählt bei den Läufen um die Medaillen zur Stammbesetzung, spätestens seit jenem lauen Sommerabend des 25. August 2003. Da schockte sich der schmächtige Kerl im Stade de France von Paris laut eigener Aussage selbst, als er auf der nicht für den Sieg programmierten Bahn eins trotz der relativ bescheidenen Zeit von 10,07 Sekunden die WM-Goldmedaille und die Herzen der Zuschauer eroberte.

Auch vor zwei Jahren machte der Mann, der in jenem Pariser Rennen zum Volkshelden des Inselstaates avancierte und zu dessen Ehren in der Kapitale Basseterre eine Hauptverkehrsader in Kim-Collins-Avenue umgetauft wurde, seinem Ruf als Mann für die großen Wettkämpfe alle Ehre. Collins schlug in Daegu aus der Disqualifikation von Usain Bolt Profit und gewann acht Jahre nach dem WM-Titel überraschend Bronze. Im Alter von 35 Jahren hatte zuvor noch nie ein Sprinter bei einer WM einen Podestplatz erreicht.

Seit Jahren hebt sich Collins aufgrund seiner Statur und seines sonnigen Gemüts von den augenscheinlich testosterongesteuerten Supersprintern ab. Wie Merlene Ottey verkörpert er den Traum der Menschen von nicht nachlassender Leistungsfähigkeit. Doch mit dem nächsten Rekord, der siebten WM-Teilnahme hintereinander, wird es wohl nichts. Weil er die Kriterien für eine Nominierung nicht erfüllte, wurde Collins vom Leichtathletik-Verband seines Landes (SKNAAA) nicht für die Titelkämpfe in Moskau (10. bis 18. August) nominiert. Der Rekordhalter habe weder an der vorgeschriebenen nationalen Meisterschaft teilgenommen noch um eine Ausnahmeregelung nachgesucht, teilte die Organisation mit. Zudem habe er den Verband, der von seinen Athleten einen Anteil von 20 Prozent an den WM-Prämien und Sponsorengeldern verlangt, mit Kommentaren diskreditiert.

Der schwelende Zwist zwischen Funktionären und Volksheld, der sich unter anderem nach finanziellen Differenzen vom Verband lossagte, erreichte damit einen zweiten Höhepunkt. Vor einem Jahr hatte der SKNAAA Collins bei den Olympischen Spielen in London mit einem Bann belegt, weil der Sprinter für drei Tage aus dem Athletendorf verschwand, um nach eigenen Worten mit seiner jamaikanischen Gattin Sex zu haben. „Sogar Häftlinge dürfen sich mit ihrer Frau treffen“, ätzte Collins darauf in seinem Twitter-Account. Notorische Skeptiker merkten an, dass sich in Zeiten intimer Zweisamkeit Hormone nicht nur abbauen ließen.

Die Zweifler aber sind in der Minderheit, Kim Collins erfreut sich vielmehr einer großen Fangemeinde. Wie einige andere Collins-Anhänger hat „Cezbollah“ dieser Tage im Internet dem Leichtathletik-Weltverband den nicht ganz ernst gemeinten Vorschlag unterbreitet, „Kimland“ als 213. Mitgliedsstaat aufzunehmen. Collins verspricht sich von staatlicher Hilfe mehr: „Jetzt bin ich offiziell nicht im Team. Zeit für den Premierminister zu handeln.“ Reinhard Sogl

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben