Sport : Verkrampft, aber zufrieden

Tobias Unger sprintet bei der Leichtathletik-Meisterschaft zum neuen Rekord über 200 Meter

Friedhard Teuffel[Bochum]

Die Stimmung in der deutschen Leichtathletik ist zurzeit ein wenig getrübt, aber Tobias Unger läuft ihr einfach davon. Bei den deutschen Meisterschaften in Bochum- Wattenscheid war er schon am Samstag Erster über 100 Meter geworden. Und am Sonntag dann dies: Über 200 Meter brach der 25 Jahre alte Schwabe den deutschen Rekord und verbesserte ihn um drei Hundertstelsekunden auf 20,20 Sekunden. Zwanzig Jahre alt war der bisherige deutsche Rekord des Magdeburgers Frank Emmelmann. Ungers persönliche Bestzeit lag bisher bei 20,30 Sekunden. Noch völlig außer Atem wurde Unger im Ziel ein Mikrofon in die Hand gedrückt. „Es war nicht einfach, weil viele auf mich geschaut haben. Nach hinten heraus bin ich ein bisschen verkrampft. Aber ich bin unglaublich zufrieden“, keuchte Unger.

Im Lohrheide-Stadion riefen Zuschauer so nach ihm, als sei er ein großer Fußballer nach dem Gewinn einer Meisterschaft: „Wir woll’n den Tobi seh’n.“ Sein Trainer Mihai-Marius Corucle versuchte derweil, die analytische Seite des Erfolges zu beleuchten: „Erst haben wir seine Grundschnelligkeit verbessert, dann seine Schnelligkeitsausdauer und schließlich seine Schnellkraft. Das hat sich dann gegenseitig hochgezogen wie eine Spirale.“ Seit 1993 arbeiten Unger und der gebürtige Rumäne Corucle zusammen.

Weil bis zu Ungers Rekord nicht allzu viel Aufregendes in Bochum-Wattenscheid passiert war, wurde der Sprinter auch zum Fluchthelfer für den Deutschen Leichtathletik-Verband vor der grauen Wirklichkeit. Es gab nicht viele Athleten, die die geforderten Normen für die Weltmeisterschaft erfüllen konnten, die im August in Helsinki stattfindet. In den meisten Disziplinen müssen die Athleten die Norm zweimal erfüllen, um eine Nominierung sicher zu haben. Bis zur deutschen Meisterschaft, der letzten Gelegenheit zur Normerfüllung, hatten das nur gut 30 Athleten geschafft, und bei der Meisterschaft gelang es dann nur zwei bisher nicht qualifizierten Athleten: Danny Ecker schaffte es im Stabhochsprung zum ersten Mal, René Herms über 800 Meter zum zweiten Mal. Herms gewann in 1:45,39 Minuten und blieb damit eine Hundertstelsekunde unter der geforderten Zeit. Auf eine Nominierung hätte er zwar auch so hoffen können, weil der Deutsche Leichtathletik-Verband bei aussichtsreichen Athleten ein Auge zudrücken will. „Aber ich wollte zeigen, dass ich darauf nicht angewiesen bin. Dazu bin ich zu stolz“, sagte Herms.

Am Freitag noch war er bei der Golden League in Paris nur 1:47,00 gelaufen. „Ich hatte einen taktischen Fehler gemacht und mich in der Mitte einklemmen lassen.“ In Wattenscheid bestand diese Gefahr nicht. Herms hatte keinen ernst zu nehmenden Konkurrenten und lief das Rennen alleine von vorne weg. Der 22-Jährige riss sich selber mit und erreichte so sein Ziel. Das fand auch der leitende Bundestrainer Jürgen Mallow beachtlich: „Er hat sein Schicksal in die eigene Hand genommen.“ Für die Weltmeisterschaft hat sich Herms ein beachtliches Ziel gesteckt: „Platz drei bis sechs.“

Nur wenige Athleten bereiteten Mallow so viel Freude wie Herms und Unger. Mallow sagte zwar: „In vielen Disziplinen haben wir Stabilität gezeigt.“ Doch es ist eine Stabilität auf eher mäßigem Niveau. Gestern am späten Abend begann Mallow mit seinen Kollegen des Deutschen Leichtathletik-Verbandes über die Nominierungen für Helsinki zu beraten. Heute will er das Ergebnis bekannt geben. „Wir werden niemand hier lassen, der die Norm nur einmal erfüllt, aber die Chance auf die Endkampfteilnahme hat“, sagte Mallow. Die Mannschaft könne aus bis zu sechzig Athleten bestehen. Optimismus sei bei ihm mit Blick auf die Weltmeisterschaft durchaus vorhanden, sagte Mallow. Tobias Unger dürfte seinen Teil dazu beigetragen haben.

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