Verletzungspech : Im Kampf mit dem Körper

Verletzung, Comeback, Rückschlag. Wie viele vor ihm stemmt sich Sebastian Kehl gegen das frühe Ende einer hoffnungsvollen Karriere.

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Sebastian Kehl versucht seit vier Jahren dem Teufelskreis aus Verletzungen und erneuten Rückschlägen zu entkommen.
Sebastian Kehl versucht seit vier Jahren dem Teufelskreis aus Verletzungen und erneuten Rückschlägen zu entkommen.Foto: Imago

Die Demütigung des Erzfeindes erlebt Sebastian Kehl in Zivil. Während die junge Dortmunder Mannschaft die Arena auf Schalke am vierten Spieltag dieser Saison als Bühne für ihre Inszenierung eines neuen Sturm und Drang nutzt, ist ihr eigentlicher Kapitän nur Zuschauer.

Vier Tage vor dem Derby hat sich Kehl beim Aufwärmen in der ukrainischen Nacht von Lwiw verletzt. Die Kernspin-Untersuchung zeigt einen Riss im Sehnenansatz des linken Hüftbeugemuskels. Zwei Monate Pause. Erneut steht Kehl, der sich gerade erst zurückgekämpft hat, vor einem Stoppschild, das er selbst in der Hand hält, ausgebremst von den Signalen des eigenen Körpers. Denn längst hat Sebastian Kehl Aufnahme gefunden in die Topografie des Scheiterns am eigenen Körper, deren Einzelschicksale so tragisch wie berühmt sind. Lars Ricken gehört dazu, Mehmet Scholl, aber auch der ehemalige Frankfurter Ralf Weber. Sie alle eint ein Knacks, eine unendliche Geschichte, in der Verletzung auf Verletzung folgte. Und am Ende die ganz große Karriere verhinderten.

Auch Sebastian Kehl hat mit 31 Länderspielen nur einen Bruchteil des Versprechens einlösen können, das sein Talent einst gegeben hatte. Zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts war Kehl nach der Blamage bei der EM in Belgien und Holland neben Sebastian Deisler einer der Hoffnungsträger für die Zukunft des deutschen Fußballs. Gerade aus Hannover nach Freiburg gewechselt, imponierte er trotz seiner Jugend durch seine natürliche Autorität. „Schon damals hatte er ein sehr extrovertiertes Selbstvertrauen und man konnte früh erkennen, dass er einer der Spieler ist, die in einer Mannschaft vorangehen, auf dem Platz auch mal die Zähne fletschen“, erinnert sich Freiburgs ehemaliger Kotrainer Achim Sarstedt. „Er hatte diese Anführermentalität.“

Zudem paarte Kehl ein technisch feines Spiel mit einer ausgeprägten Körperlichkeit. Schnell stand er auf der Einkaufsliste der großen Klubs. Bayern wollte ihn haben und hatte ihn fast. Kehl unterschrieb einen Vorvertrag in München und kassierte ein üppiges Handgeld, entschied sich dann aber anders, zahlte das Handgeld zurück und wechselte im Januar 2002 nach Dortmund, wo er auf Anhieb Deutscher Meister wurde. Sein Weg führte danach, auch in der Nationalmannschaft, scheinbar geradlinig in Richtung Gipfel. Mit 26 hatte er bereits zwei Weltmeisterschaften und eine EM gespielt.

Doch am 11. August 2006, drei Wochen nachdem Kehl als Sommermärchenfigur und Frings-Double bewiesen hatte, dass er nah dran ist an der internationalen Elite, reißt der rote Faden seiner Karriere. Die neue Saison ist gerade neunzehn Minuten alt, als Kehl im Spiel gegen Bayern München mit Hasan Salihamidzic zusammenkracht. Es ist eine Kollision in der Kampfzone Mittelfeld, wo der verliert, der zurückzieht. Beide grätschen mit dem rechten Bein voran, als würden sie mit starr geführter Lanze in ein unvermeidbares Duell reiten. Kehl kommt einen Lidschlag eher an den Ball, Salihamidzic aber rutscht ungebremst in den Dortmunder. Sein Schuh, die Eisenstollen bohren sich in Kehls Knie, durch die Haut, und reißen das Fleisch auf.

Die Verletzung ist so tief, dass Kehl noch am selben Abend operiert werden muss. Die Ärzte rechnen mit ein paar Wochen Pause. Doch mit dem Stollen des Bosniers sind Keime in die Wunde eingedrungen. Das Knie entzündet sich. Und verhindert das für Oktober angestrebte Comeback. Kehl kämpft. Spritzenkuren und einsame Runden auf nassen Tartanbahnen im Wintergrau des Ruhrpotts. Später Annäherungsversuche an die Mannschaft im Trainingslager in Marbella. Doch erst am 12. August 2007, ein Jahr nach seinem Zusammenstoß mit Salihamidzic, steht er wieder ein ganzes Spiel auf dem Platz. Und mit ihm die Hoffnung, nun endlich wieder dabei sein zu können. Sie hält nicht lange. Unter der Belastung entzündet sich das Narbengewebe im Knie. Kehl muss erneut pausieren. Vier Monate lang. Spritzenkuren, einsame Runden im Herbstgrau des Ruhrpotts. Einzeltraining, die Vereinsamung auf Rezept. Ein hässliches Déjà-vu, auf das eine Zeit folgt, so ermüdend wie ein Halbmarathon auf einem Laufband. Kehl verpasst die EM 2008 und auch die WM in Südafrika. Im vergangenen Jahr bringt er es lediglich auf 380 Minuten Spielzeit, etwas mehr als sechs Stunden Profifußball. Er rennt und kommt doch nirgends an. „Du trainierst gut, dann geht es dir wieder schlechter. Dann wieder Hoffnung, dann der nächste Rückschlag“, hat Kehl einmal den Zustand im Niemandsland der Karriere beschrieben.

Ralf Weber weiß genau, wie es sich dort anfühlt, wenn man wie Kehl in das Hamsterrad aus Verletzungen, Rekonvaleszenz und erneuten Rückschlägen gerät. Mitte der Neunziger gilt er als einer der aussichtsreichsten Kandidaten für die Nachfolge Andreas Brehmes auf der linken Seite der Nationalmannschaft. Doch auch Weber steht der eigene Körper im Weg. „1993 habe ich mir einen Bänderriss zugezogen, das war eine Sache von vermeintlich drei Wochen“, erinnert er sich. Er wird operiert. Der Beginn einer langen Leidenszeit. Im ersten Mannschaftstraining nach der Reha verletzt sich Weber erneut, bekommt kurz vor Schluss einen Ball so unglücklich an die Fußspitze, dass in seinem Sprunggelenk ein Band abreißt.

Nach einer Kernspin-Untersuchung in der Schweiz ist klar: Das Band muss genäht werden Es ist die vierte Operation innerhalb weniger Monate. Und bei Weitem nicht die letzte. Zwischen 1995 und 1997 absolviert Weber nur zwei Spiele für die Eintracht, in der Saison 2000/2001 kein einziges und beendet 2001 schließlich seine Karriere.

Irgendwann begegnet er jeder neuen Zwangspause nur noch mit dem Gleichmut eines buddhistischen Konvertiten. „Man kennt den Ablauf ja bereits. Die Diagnose, die Operationen und die bevorstehenden Reha-Phasen“, erzählt Weber und in seiner Stimme vibriert noch immer die Kapitulation vor dem Unvermeidbaren. „Da denkst du dir dann einfach: Ach komm, dann machst du das halt noch mal. Was soll’s. Man nimmt das so hin.“ Weber lernt, sich mit dem Schicksal zu arrangieren. Auch, um dem Schockmoment die Kraft zu nehmen. Es ist nicht die einzige Lehre, die er aus der Zeit in der Isolation des Kraftraums gezogen hat. „Die Umgebung ist wichtig“, erklärt er. Nicht unbedingt für die körperliche Genesung, jedoch für die mentale Gesundheit. Die Ärzte, Therapeuten und vor allem die anderen Patienten, Spitzensportler wie er, werden zu Webers Ersatzfamilie. Er schöpft seine Motivation aus der gemeinsamen Anstrengung und den gemeinsamen Gesprächen. Am Ende hat Weber aber vor allem der eigene Wille dabei geholfen, in seiner ganz persönlichen Sisyphos-Geschichte den immergleichen Felsbrocken den immergleichen Berg hinaufzuschleppen. „Ich war Vollblutfußballer und wollte einfach wieder auf dem Platz stehen. Einfach so aufhören, das geht auch nicht.“

Sebastian Kehl, das hat er unlängst in einem Interview zugegeben, wird von der Motivation angetrieben, es noch einmal allen zeigen zu wollen. Am Ende könnte jedoch selbst dieser innere Antrieb, mit dem er über Jahre den Zweikampf mit sich selbst angenommen hat, zu wenig sein. Weil Kehl, mittlerweile 30 Jahre alt, nach all den Zäsuren nicht mehr in die Hochgeschwindigkeitsmaschinerie der Bundesliga zu passen scheint. Der Fußball hat sich gerade in diesen vier Jahren, in denen sich Kehl im Infight mit seinem Körper aufgerieben hat, entscheidend weiterentwickelt, ist schneller, aber vor allem jünger geworden. Kein Land für Veteranen. Für eine Rückkehr müsste Kehl deshalb die alte Oberflächenspannung wieder aufbauen.

Doch glaubt man Ralf Weber, ist das kaum möglich. „Egal, wie oft man zurückkommt, selbst wenn du wieder fit bist und spielst, ein paar Prozent Grundschnelligkeit und Dynamik bleiben in der Reha einfach auf der Strecke. Sebastian Kehl wird das auch merken: Hinterher bist du einfach nicht mehr der Alte.“

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