Sport : Verliebt in Olympia

Dirk Nowitzki darf die deutsche Fahne tragen, obwohl er noch nie bei den Spielen war

Friedhard Teuffel[Peking]

Für alle, die ihn noch nicht kennen: Es wird sicher sein Name eingeblendet bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele, wenn er die deutsche Fahne ins Stadion trägt und hinter ihm die deutsche Mannschaft hereinspaziert. Und die Fernsehreporter werden etwas aus seinem Lebenslauf erzählen, auch wenn sie es vielleicht gar nicht müssten. Denn die Fahne trägt ein Weltsportler. Ein Athlet aus Deutschland, der in Amerikas Profiliga NBA herausragt und den selbst Millionen Chinesen kennen, weil sein Sport Basketball eines ihrer Lieblingsspiele ist. Von Deutschlands Sportlern ist höchstens Michael Ballack so bekannt wie er. Richtig, das kann nur einer sein: Gerd Nowitzki!

Gerd? Das rutschte Michael Vesper, dem Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes so heraus, als er Dirk Nowitzki im Deutschen Haus in Peking auf die Bühne bat. Gut möglich, dass die Vorfreude auf Nowitzkis Auftritt Vesper ein wenig durcheinander brachte, die Vorfreude, dass der 2,13 Meter große Athlet von den Chinesen umjubelt seine Runde durchs Stadion dreht. Dafür entschädigte Vesper Nowitzki mit Komplimenten: „Wir haben uns für einen Fahnenträger entschieden, der eine untadelige sportliche Haltung hat, der Erfolg mit Teamgeist verbindet. Der das Big Business kennt und trotzdem bescheiden geblieben ist.“ Dirk Nowitzki schien gar nichts anderes übrig zu bleiben, als zu sagen: „Ich glaube, ich hätte mich auch ausgesucht.“

Das war eine der ersten von vielen launigen Antworten Nowitzkis an diesem Vormittag. Vielleicht war es auch der erste richtig unbeschwerte Moment für die deutsche Mannschaft in Peking. Die Chinesen versuchen gerade, Olympia zu kontrollieren und zu perfektionieren – Nowitzki improvisiert lieber. Mit einem Plastikteller und einem Rasierer zum Beispiel. Den Teller hatte er sich zu einer Schablone zurechtgeschnitten und dann gemeinsam mit seinen Mitspielern fünfmal drumherum rasiert, bis sie die olympischen Ringe auf dem Kopf hatten. „Sieht nicht unbedingt toll aus, aber für Olympia macht man alles“, sagte Nowitzki.

Genau deshalb darf Nowitzki am Freitag als erster aus der deutschen Mannschaft ins Stadion. Weil er auch nach vielen Jahren Profisport ein Fan der Olympischen Spiele ist. Seine Aufzählung hörte gar nicht auf, was er in Peking am liebsten alles sehen würde: Tennis, Handball, Tischtennis, Leichtathletik. Aber er muss selbst noch spielen und will mit der deutschen Mannschaft mindestens ins Viertelfinale kommen, „aber natürlich träume ich von einer Medaille“.

Für Olympia zeigt Nowitzki gern Gefühle. Das tat er schon nach der geschafften Qualifikation vor drei Wochen in Athen, als er hemmungslos weinte. Und er ist sich sicher, dass ihn das olympische Gefühl auch am Freitag wieder überwältigen wird: „Es wird mir kalt den Rücken runterlaufen, wenn ich ins Olympiastadion einlaufen darf.“ Da machte es gar nichts, dass Nowitzki die bisherige Mindestqualifikation für deutsche Fahnenträger glatt verfehlt: olympischen Erfolg. Den kann er auch gar nicht vorweisen, weil die Spiele in Peking seine ersten sind. Ralf Schumann, auch ein Kandidat für die Fahne, hat dagegen im Schießen schon dreimal Gold gewonnen, Kathrin Boron im Rudern sogar viermal. „Mir ist klar, dass das ein kleiner Traditionsbruch ist“, sagte Nowitzki, „denjenigen, die nicht die Fahne tragen dürfen, würde ich sagen: Freut euch für mich!“

Die Entscheidung für Nowitzki war jedenfalls eine für den olympischen Geist. Den findet Nowitzki an einem bestimmten Ort: in der Mensa des olympischen Dorfs. „Da zu sitzen und 1000 Leuten beim Essen zuzusehen, das macht einen Riesenspaß“, sagte der 30-Jährige von den Dallas Mavericks. Dreimal am Tag geht er deshalb dorthin, abends bleibt er sogar manchmal zwei Stunden. „Tiefgreifende Gespräche über Familie und solche Dinge führt man da nicht, aber man tauscht sich aus: Wie sieht’s bei dir aus, was machst du so?“ So entstünden viele kleine Unterhaltungen mit Athleten aus ganz verschiedenen Ländern.

Eine Begegnung hat es Nowitzki besonders angetan. Beim Air Hockey, einer Art Flipper gegeneinander, „stand ich auf einmal irgendeinem Pakistani gegenüber“. Das hat ihn offenbar noch mehr beeindruckt als das Zusammentreffen mit den beiden besten Tennisspielern der Welt, Rafael Nadal und Roger Federer.

0 Kommentare

Neuester Kommentar