Sport : Verliebte Jungs

Ins Fußballstadion gehen nur gefühlskalte Rowdys? Von wegen! Inmitten all der Feindseligkeiten in den Kurven pflegen Fans Freundschaften zu Anhängern anderer Klubs. Eine Beziehungsanalyse

André Görke,Philipp Köster

Fußballstadien sind keine evangelischen Kirchentage. Stattdessen wird jeden Samstag auf den Rängen routiniert der Gegner beleidigt und der Schiedsrichter als bestochener Handlanger des Gegners diffamiert. Kein gutes Pflaster also für Wärme, Zuneigung und Freundschaft? Keineswegs, inmitten all der Feindseligkeiten pflegt fast jede Fanszene freundschaftliche Beziehungen zu Anhängern anderer Vereine, darunter krude Notgemeinschaften und alte Ehepaare. Ja, und tatsächlich ist auch Hertha dabei.

Berlin geht Baden

Die Anhänger von Hertha BSC hatten Anfang der siebziger Jahre außerhalb der Stadtgrenzen einen etwa so guten Ruf wie Peter Hartz im Sozialamt Herne- West. Umso überraschter reagierten die Herthaner Mitte der Siebziger, als die einheimischen Anhänger sie beim Auswärtsspiel in Karlsruhe nicht zur obligatorischen Rauferei hinter der Kurve, sondern zum Bier einluden – und das obendrein kostenlos. Da fühlte sich der subventionierte Berliner wie daheim und fuhr immer wieder gerne hin. Eine Freundschaft, die nicht einmal das Bundesverfassungsgericht zerstören kann.

Fremdgehen mit Hertha

Als hauptstädtische Salondame, wenn auch mit leicht demoliertem Teint, war die Hertha in den achtziger Jahren so begehrt wie Rolf Eden in den besten Jahren im „Café Keese“. Verbrieft sind lose Freundschaften der Berliner mit Bayern München und Preußen Münster, zwischendurch wurden in der Hertha-Kurve gar gelb-schwarz-blau-weiße Borussia- Dortmund-Freundschaftsschals vorgezeigt. Zu Mauerzeiten flirtete Hertha übrigens enthemmt mit dem Nachbarn vom 1. FC Union aus Köpenick. Als allerdings nach dem Mauerfall nicht mal mehr knurrige Vopos am Grenzübergang Bahnhof Friedrichstraße geärgert werden konnten, erlosch die Liebe schnell.

Das alte Ehepaar

Die Fanfreundschaft zwischen Schalker und Nürnberger Anhängern ist die älteste Vereinsbeziehung überhaupt. Seit Beginn der achtziger Jahre herrscht bei Spielen der beiden Klubs gegeneinander eine kuschelige Stimmung wie sonst nur in Janosch-Büchern. Die Tore werden nur verhalten bejubelt, um die Freunde nicht zu verletzen, niemand verspottet den anderen wegen seines komischen Dialekts, und gar gemeinsame Fahnen werden in Handarbeit geklöppelt. Warum sich allerdings ausgerechnet Schalker und Nürnberger Fans so gut leiden können, bleibt rätselhaft. Wo die Liebe hinfällt.

Gleich und gleich

Wäre der VfL Bochum eine bindungswillige Single-Dame, jede Agentur hätte sie schon mehrfach unvermittelbar abgelehnt, die prototypische graue Bundesliga-Maus eben. Was lag da näher, als sich mit dem Klub zusammenzutun, den ebenfalls niemand leiden kann, der bei bloßer Erwähnung Tischnachbarn erzürnt aufspringen lässt und dessen Niederlagen Millionen Menschen den Samstag retten. Und so wurden der VfL Bochum und der FC Bayern München ein Paar, das sich noch heute bei den Begegnungen gegeneinander die gegenseitige Treue beschwört. Zwar nicht mehr so innig wie in den ersten Jahren, aber in einer routinierten Ehe bringt der Gatte ja auch nach zehn Jahren nicht mehr jeden Tag rote Rosen und Pralinen mit nach Haus.

Keine Mauer kann uns trennen

Nach dem 1991 gedrehten Film „Nordkurve“, in dem sich St.-Pauli-Fans und Rostocker Schnauzbärte in Trainingshosen prügelten, galt das Verhältnis zwischen ost- und westdeutschen Anhängern als so zerrüttet wie die Ehe von Estefania und Dieter Bohlen. Dann aber reichten sich plötzlich alte und neue Bundesbürger in den Stadien die Hände zum ewigen Bund. Mönchengladbacher kuschelten plötzlich mit den Anhängern von Carl Zeiss Jena, Braunschweiger schauten beim 1. FC Magdeburg vorbei. Nur Dynamo Dresden verweigerte sich den Avancen der Westler, die sächsischen Hitzköpfe bewarfen West- busse mit Pflastersteinen (Karlsruhe), attackierten Gästezüge (Köln), klauten Devotionalien (alle West-Vereine) und nähten daraus ein 30-Meter-Banner, auf dem in gemopsten Fanschals „West-Ultras aufs Maul“ steht. Prädikat: beziehungsunfähig.

Zerrüttete Beziehung

Im normalen Leben tun sich Männer oft schwer, Beziehungen zu beenden, stattdessen werden schlimme Sätze gesagt wie „Ich bin noch nicht wieder reif für eine Beziehung“ oder „Ich bin zu oft verletzt worden“ oder „Ich hab dich gar nicht verdient“. Im Fußballstadion werden Beziehungen hingegen brutal und wenig einfühlsam beendet. Die einst glückliche Liaison zwischen Mainzer und Mönchengladbacher Anhängern wurde im letzten Jahr abrupt beendet, als im Nordpark die Borussen-Anhänger die Gäste kollektiv mit „Absteiger, Absteiger“-Rufen verabschiedeten. Ein traumatisches Erlebnis für die Mainzer, die sicher bei der nächsten Freundschaftsanfrage antworten werden: Wir sind zu oft verletzt worden.

Dreiecksverhältnis

Viele Fußballfans lieben genau das, was furchtbar weit weg ist, genauer: Celtic Glasgow und den FC Liverpool. Jeder deutsche Verein, der etwas auf sich hält, pflegt eine innige Verbindung zu den beiden britischen Renommierklubs, näht bunte Freundschaftsschals und singt inbrünstig die Liverpooler Hymne „You’ll never walk alone“. Dumm nur, dass in Glasgow und Liverpool das niemand weiß und man prinzipiell auf der Insel auch nicht allzu viel von der Kuschelei unter Fußballfans hält. Dort kann man niemanden leiden – außer sich selbst.

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