Verlierer des Sportjahres : Jeder darf über Klinsmann herziehen

Klinsmann, der WM-Held von 2006 ist einer der Verlierer dieses Sportjahres. Unsere Auswahl erinnert an sportliche Minderleistungen, Manipulatoren und Betrüger.

Oliver Fritsch

Jürgen Klinsmann



Vor drei Jahren war Jürgen Klinsmann Deutschlands Held, hatte er doch eine lange als aussichtslos geltende Mannschaft ins WM-Halbfinale geführt. Hohe Popularitätswerte verzeichnete er gerade auch in ehemals fußballfernen Milieus. Vielleicht war das der wichtigste Grund dafür, dass Bayern München ihn 2008 als Trainer engagierte.

Doch dort, wo Klinsmann schon vor gut einem Jahrzehnt als Spieler nicht hinpasste, war er auch in neuer Funktion zum Scheitern verurteilt. Die Bayern-Fans mögen ihn nicht – ihn, der sich erdreistete, Lehmann statt Kahn ins Tor zu stellen. Auch erwies sich Klinsmann als Novize, seine Elf spielte mal stark, mal bekam sie von Wolfsburg fünf Stück. Im April war Bayerns Timm-Thaler-Baron-Lefuet-Strategie, nicht nur einen Trainer, sondern auch ein Lachen zu kaufen, am Ende.

Klinsmanns Ruf ist nun fast auf das Niveau der Vor-WM-Zeit zurückgesunken. Man darf wieder über ihn herziehen – sei es der Stammtischbruder Waldemar Hartmann ("Klinsmann ist ein Daum ohne Drogen") oder Chefredakteure aus der Provinz. 

 Claudia Pechstein

Dass sie sich im Dezember nicht für Olympia 2010 qualifiziert hat, kann man ihr nicht ankreiden. In ihrer Situation sind sportliche Höchstleistungen kaum möglich. Doch mit ihrer aggressiven und, sagen wir, kreativen Verteidigung gegen den Doping-Vorwurf hat die erfolgreichste deutsche Winterolympionikin Kredit verspielt. Im Sommer wurde festgestellt, dass ihr Retikulozytenanteil mehrfach über dem erlaubten Höchstwert lag – auffällig häufig vor Wettkämpfen. Der Eislaufverband sperrte sie für zwei Jahre: Olympia-Aus.

Pechstein klagte dagegen, doch im November bekräftigte der Internationale Sportgerichtshof die Sperre. Der Pechstein-Fall ist auch deswegen so bemerkenswert, weil es sich um einen indirekten Doping-Nachweis handelt. In ihrem Blut ließen sich keine verbotenen Substanzen oder deren Abbauprodukte finden, doch seine Zusammensetzung lässt darauf schließen, dass sie betrogen hat. Ein Indizienprozess, nichts unübliches in der Juristerei, nicht mal ein Novum in der Sportrechtsprechung. 

 Uwe Schwenker

Dass der deutsche Handball in Verruf geraten ist, ist nicht nur seine Schuld, doch er ist einer der Protagonisten des Skandals: Uwe Schwenker, bis April Geschäftsführer des THW Kiel. Gegen ihn ermittelt der Staatsanwalt, weil Schwenker im Verdacht steht, Schiedsrichter in der Champions League bestochen zu haben. Zudem ist der Verbleib von rund 150.000 Euro aus der Vereinskasse unklar.

Deshalb war der mächtigste und erfolgreichste Handballmanager in Kiel nicht mehr haltbar. 2009 wurde auch bekannt, dass Bernd Ullrich und Frank Lemme, das beste Schiedsrichtergespann mindestens Deutschlands, unter starkem Verdacht stehen, bestochen worden zu sein. In Europa sind sie für fünf Jahre gesperrt worden, der Deutsche Handballbund hingegen meint, das sei nicht nötig. Sie sollen wieder pfeifen. Der deutsche Handball tut zu wenig gegen sein Glaubwürdigkeitsproblem. Auch wenn es leichte Zeichen der Hoffnung in der nachwachsenden Funktionärsgeneration gibt. Doch sie sind noch viel zu schwach.

 Robert Harting

Er ist ein toller Sportler und seit August Diskusweltmeister. Im Berliner Finale gewann Robert Harting im sechsten und letzten Versuch. So einen Typen braucht die darbende deutsche Leichtathletik. Wenn er bloß zuvor geschwiegen hätte.

"Mein Diskus soll in ihre Brillen fliegen", sagte Harting – und meinte die DDR-Dopingopfer, die in einer Initiative zur WM mit großen Pappbrillen auf ihr Leid und die Blindheit der Öffentlichkeit aufmerksam gemacht hatten. Immerhin nahm Harting diese ignorante und verächtliche Aussage später zurück. Doch hatte man den Eindruck, dass er aus der (berechtigten) öffentlichen Schelte vor dem Wettkampf die Motivation für seine Heldentat im Ring gezogen hat. Wie anders ist die Geste nach seinem Sieg zu deuten, mit der er seinen Kritikern den Mund verbieten wollte? Sein Trainer ist übrigens Werner Goldmann, dem sein Zögling zu DDR-Zeiten, Gerd Jacobs, vorwirft, ihn zur Anabolika-Einnahme gedrängt zu haben.

 Hertha BSC Berlin

Im Frühjahr schickte sich die Hertha an, der große Gewinner des Jahres zu werden. Mit einer Reihe von knappen Siegen, etwa gegen Klinsmanns Bayern, schob sich die Mannschaft von Lucien Favre an die Tabellenspitze der Bundesliga. Für die Meisterschaft hat es am Ende nicht gereicht, sogar die Qualifikation zur Champions League verpasste die Hertha noch. Aber Platz 4 war ein Erfolg.

Inzwischen ist die Hertha abgeschlagen Tabellenletzter, fünfzehn Spiele ohne Sieg und muss sich Tasmania-Vergleiche gefallen lassen, also mit dem Berliner Klub, der alle Negativrekorde hält. Lucien Favre wurde längst entlassen, der abstiegskampferfahrene Friedhelm Funkel ist sein Nachfolger. Immerhin erlebten die Hertha-Fans eines der kuriosesten Spiele der Bundesligageschichte. Am 4. Oktober überschütteten die Götter Herthas jungen Ersatztormann mit Pech. Im Spiel gegen den HSV eingewechselt kassierte er innerhalb von Minuten zwei empty net goals. Dabei schien er beide Mal alles richtig gemacht zu haben, als er jeweils weit außerhalb seines Strafraums klärte. Inzwischen setzt die Hertha wieder Lebenszeichen. Einem 2:2 gegen Tabellenführer Leverkusen folgte der Einzug in die K.o.-Runde der Europa League. Und vielleicht klappt’s ja noch mit dem Klassenerhalt, für den womöglich der Relegationsplatz 16 genügt.

 Flavio Briatore

Dass man es in der Formel 1 mit den Regeln nicht so genau nimmt, wie man vorgibt, ist allen Motorsportfreunden längst klar gewesen. Das jedoch, was sich Flavio Briatore 2008 erlaubt hatte und was in diesem Herbst ans Licht kam, schockierte auch die Abgehärtesten: Aus renntaktischen Gründen soll der damalige Renault-Teamchef seinem Fahrer Nelson Piquet jr. angeordnet haben, vorsätzlich in hohem Tempo einen Unfall zu verursachen.

Ein Regelverstoß und ein lebensgefährdendes Manöver. Renault entließ den schillernden Frauenhelden Flavio, der Internationale Automobilverband sperrte ihn lebenslänglich. Der Skandal war die schlechteste Nachricht für die Formel 1 in einem Jahr der schlechten Nachrichten, etwa der des BMW-Ausstiegs. So hofft die Branche, insbesondere die deutsche Szene, auf das Comeback des vierzigjährigen Michael Schumacher, der in den in den Neunziger Jahren mit Briatore zwei Weltmeistertitel gewann. 

VfL Osnabrück

 Nach dem Hoyzer-Skandal 2004/05 hatte man gehofft, Spielmanipulationen im deutschen Fußball wären ein einmaliger Ausrutscher gewesen. Frühwarnsysteme wurden installiert, die Schiedsrichter sollten besser geschult werden. Doch im November wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft Bochum seit Monaten einer breiten Spur gefolgt war: Der europäische Fußball ist in einen großen Wettskandal verstrickt, von dem auch Deutschland betroffen ist.

Über hundert Verdächtige gibt es, erste Haftbefehle sind ausgesprochen worden, auch Ante Sapina, Drahtzieher vor fünf Jahren, ist nach verbüßter Haftstrafe wieder aktiv. Noch ist die Untersuchung nicht abgeschlossen, doch scheinen die Wettpaten in Deutschlands Amateur- und Halbprofiligen leicht Ansprechpartner zu finden.

Selbst die 2. Bundesliga ist betroffen. So kann der VfL Osnabrück davon ausgehen, dass er im Sommer nicht in die 3. Liga abgestiegen wäre, wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre. VfL-Profi Marcel Schuon hat nämlich inzwischen zugegeben, eine Absprache getroffen zu haben – auch wenn er, wie er betont, in den Spielen von seinem Vorsatz abgerückt worden sei zu manipulieren. Immerhin hat ein Opfer, Osnabrücks damaliger Trainer Claus-Dieter Wollitz, in Cottbus einen neuen Job in der 2. Liga gefunden. Dem VfL jedoch bleibt ein Millionenschaden. 

 Das deutsche Tennis

Das Herrentennis befindet sich seit Jahren auf einem außerordentlich guten Niveau. Das anhaltende Duell zwischen Roger Federer und Rafael Nadal um die Spitzenposition fasziniert die Sportfreunde, zudem gibt es eine Reihe interessanter junger Herausforderer um Novak Djokovic und US-Open-Sieger Juan Martín del Potro. Bloß in Deutschland scheint das niemanden zu kümmern. Auch nicht das Fernsehen.

Zu Zeiten von Boris Becker, Steffi Graf (und Marius Müller-Westernhagen auf der Tribüne) wurden Tennismatchs stundenlang übertragen und erreichten ein Millionenpublikum. Heute interessieren sich die großen deutschen Kanäle nicht mal mehr für das Wimbledon-Finale. Auch nicht für das traditionsreiche Rothenbaum-Turnier, das jährlich in Hamburg stattfindet. Dieses Jahr ist es von der Masters-Serie 1000 zur ATP World Tour 500 degradiert worden, für Sponsoren ist es damit noch unbedeutender als ohnehin schon, seit Jahren verzeichnet man Minusbilanzen. Vielleicht gelingt es ja dem bislang letzten deutschen Hamburger Turniersieger, das Ruder herumzureißen: Michael Stich, dem neuen Turnierdirektor. Doch auch er hatte Startschwierigkeiten, aus rechtlichen Gründen musste er auf den geplanten Titelsponsor verzichten.

 Martin Kind

Seit Jahren gibt Hannovers Präsident den Querkopf. Oder, je nach Sichtweise, den Reformator. Abgesehen hat er es auf eine DFB-Regel mit furchtbarem Namen: 50 plus 1. Sie besagt, dass die Stimmenmehrheit immer beim Fußballverein bleiben muss. Ein Relikt, sagt Kind, im Einklang mit einigen Rechtswissenschaftlern, eine Hürde für Investoren.

Ein Damm gegen den Turbokapitalismus und die Englandisierung der Bundesliga, beharren die Traditionalisten, darunter der Großteil der Fans. Im November entschieden die 36 Vertreter des Profifußballs gegen Kinds Antrag, 50 plus 1 abzuschaffen. Es gab nur eine Ja-Stimme: seine eigene. Das kommt einer zweistelligen (politischen) Niederlage gleich.

Für zwei Vereine gelten in der Bundesliga Ausnahmeregeln und ein dritter wird sie womöglich umgehen. Einer davon ist Deutscher Meister; der zweite schickt sich an, Herbstmeister zu werden; der dritte gewann diesen inoffiziellen Titel im vorigen Jahr. Die Argumente für eine Regelreform, Stichwort Wettbewerbsverzerrung, liegen eigentlich auf dem Spielfeld, doch Mehrheiten zu schaffen, ist nicht Kinds Stärke. Vielleicht hat er vor Gericht mehr Glück, mehrfach hat er angekündigt, Europas Juristen über 50 plus 1 urteilen zu lassen.

 Thierry Henry und Irland

Er gilt eigentlich als fairer Sportsmann, jede Schwalbe ist ihm fremd. Doch nun ist er mit einem Makel behaftet: Thierry Henry nahm die Hand zur Hilfe – und das bei der entscheidenden Torvorbereitung im entscheidenden WM-Qualifikationsspiel. Die ganze Fußballwelt, inklusive der Franzosen, rümpft die Nase und leidet mit den unterlegenen Iren.

Deren Bitte, sie als Teilnehmer Nummer 33 mit einer Wildcard für die WM auszustatten, konnte natürlich nicht entsprochen werden. Wie gerne hätte man Giovanni Trapattoni, den Gentleman des Spielfeldrands, nächsten Sommer seine absurde Fußballpoesie ("Fußball ist nicht nur Ding, Fußball ist Ding Dang Dong") vortragen hören! Aber die Fifa wird damit leben können, dass die irischen Nobodys auf ihrer Insel bleiben und die Werbestars um Henry und Ribéry auf der Bühne Südafrika auftreten werden. Für die zudem ein gutes Omen spricht: Frankreich ist Handballweltmeister. 

Quelle: ZEIT ONLINE

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