Sport : Verlierer gegen Trottel

Im Finale des US-Baseballs treffen die ewigen Außenseiter San Francisco Giants und Texas Rangers aufeinander

Johannes Ehrmann
Foto: REUTERS
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Berlin- George W. Bush kaute missmutig auf den Bügeln seiner Brille herum. Neben ihm hatte sich der Präsident der Texas Rangers, Nolan Ryan, die Hände unter die Achseln geklemmt und starrte ins Nichts. Die Rangers hatten gerade ihr erstes Halbfinalspiel gegen die New York Yankees verschenkt. Mit einem 5:1-Vorsprung in das achte von neun Innings gegangen, trotteten die Texaner mit einer 5:6-Niederlage wieder vom Feld. Die Yankees waren auf dem Weg in das 41. Endspiel der Klubgeschichte, die titellosen Rangers waren kurz davor, erneut leer auszugehen. Es lief alles wie immer.

Doch in den Play-offs der amerikanischen Baseballer kann sich sehr viel sehr schnell ändern. Ein schlechter Wurf des Pitchers, ein Home-Run zur rechten oder ein Fangfehler zur falschen Zeit kann die gesamte Dynamik einer Serie beeinflussen. Am wichtigsten aber ist es, den Ball mit dem Schläger zu treffen und idealerweise gänzlich aus dem Stadion zu dreschen. Das können die Texas Rangers derzeit so gut wie kein anderes Team, weswegen sie die Yankees schlussendlich mit 4:2-Siegen aus dem Wettbewerb warfen. „Believe it!“, titelte die „Dallas Morning News“ über die erste „World Series“-Teilnahme der Rangers-Historie.

Man darf es glauben: Statt zur erwarteten Neuauflage des Vorjahresendspiels zwischen den New York Yankees und den Philadelphia Phillies kommt es ab Mittwochabend zum Duell der Rangers und der San Francisco Giants, die seit ihrem Umzug von New York nach Kalifornien im Jahre 1957 ebenfalls auf den ersten Titel warten. Die Giants sind der unwahrscheinlichste Finalteilnehmer seit Jahren, ein bunt zusammengewürfeltes Team, das auf einmal nur noch vier Siege vom größten Triumph entfernt ist. „Wir sind die Verbannten, die Außenseiter, die keiner wollte“, sagt Giants-Werfer Jeremy Affeldt. „Aber wir sind ein Haufen Trottel, der unbedingt gewinnen will.“

Rangers gegen Giants – das ist auch das Duell der besten Offensive gegen die besten Werfer. 36 Runs haben die Texaner alleine gegen die Yankees erzielt, San Francisco punktete erst 24 Mal in den gesamten Play-offs. Tim Lincecum ist der beste Pitcher der vergangenen beiden Jahre – und das, obwohl der langhaarige Schlacks mit dem blassen Gesicht, Spitzname „The Freak“, eher wie ein Computer-Nerd als wie ein Hochleistungssportler aussieht. Im ersten Spiel der Finalserie trifft er gleich auf Rangers-As Cliff Lee, der als Play-off-Pitcher einen legendären Ruf genießt und in der diesjährigen K.o.-Runde in 24 Innings erst zwei Runs zugelassen hat. „Ich spüre keinen zusätzlichen Druck“, sagte Lee vor dem Duell mit Lincecum und den Giants.

Doch auch die Giants landen Treffer – bevorzugt, wenn es darauf ankommt. Ihr Siege sind trotzdem eher knapp als überzeugend. Giants-Werfer Brian Wilson sagte über den Stil seines Teams: „Wir können keine Mannschaft vom Platz fegen. Es ist harte Arbeit, es ist anstrengend. Aber es fühlt sich verdammt gut an.“ Am Ende gewinnt eben doch der, der den Ball aus dem Park haut – bei Heimspielen der Giants kann er dabei schon mal im nahen Pazifik landen.

Ab Mittwoch schaut eine Nation gebannt nach San Francisco und Arlington, wenn „America’s pastime“, der Amerikaner liebster Zeitvertreib, zum 106. Mal in der „World Series“ kulminiert. Ob der frühere Rangers-Eigner George W. Bush am Ende bedröppelt an seiner Brille kaut oder die erste Meisterschaft feiern darf, ist offen. Sein Amtsnachfolger dagegen, das steht fest, wird nicht jubeln. Denn Barack Obamas Lieblingsteam, die Chicago White Sox, waren bei den Play-offs gar nicht erst dabei.

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