Sport : Verloren im Schwarm

120 000 Japaner verwandeln die Pferderennen in Tokio in ein geordnetes Gewusel – den deutschen Hengst Saddex macht das nervös

Hartmut Moheit[Tokio]

Manchmal kann auch eine Zeitung etwas Heiliges haben. Zumindest in Japan beim Pferderennen, wo sie ausgebreitet auf dem Boden und zumeist auf dem Beton mit etwas Klebeband befestigt die Standortrechte für ein paar Stunden klärt. Wer einmal diesen Bereich markiert hat, am Rande des Führrings zum Beispiel, der hat seinen Platz und den Blick auf die Stars des Tages sicher. Da Japaner sehr freundliche, zurückhaltende und faire Menschen sind, klappt das sogar an einem Tag wie dem gestrigen Sonntag, an dem von den 120 000 Besuchern beim 27. Japan Cup gerade vor dem 10. Rennen sehr, sehr viele in diesen Bereich strömten. Es gibt kein Murren, kein Geschrei oder sogar tätliche Auseinandersetzungen: Wer seinen Platz einmal hat, braucht ihn nicht zu verteidigen.

Vielleicht ist es diese dichtgedrängte Wuselei, die an diesem Tag der deutsche Hengst Saddex nicht versteht – wieder ist etwas für den vierjährigen braunen Hengst anders. „Die endlosen Runden vor diesem Bienenschwarm haben ihm überhaupt nicht gefallen“, sagt dessen Trainer Peter Rau später. Während die japanischen Konkurrenten seelenruhig ihre Runden drehen, möchte Saddex am liebsten wieder zurück in seine Box. Mal zappelt er, dann springt er wieder ein wenig mit den Hinterläufen oder versucht schwitznass, sein Halfter zu zerkauen. Das kostet ihn bereits einiges an Kraft. Erst als sich Jockey Torsten Mundry in den Sattel schwingt, scheint er etwas ruhiger zu werden.

Dem geübten Auge des japanischen Turffreundes ist das nicht entgangen, aber der hatte ohnehin einen seiner Lieblinge auf dem Wettschein. Höchstens ein paar Zocker setzten am Sonntagmorgen um 7.20 Uhr vor dem Megarennen der Gruppe I über 2400 Meter auf den Deutschen, denn der verspricht als Außenseiter viel Geld. Sie haben schließlich recht – Saddex wird Elfter, aber auch die Pferde aus Irland und Großbritannien sollen letztlich keine Chance haben. Es ist der Zeitpunkt, an dem die Zeitungsplätze längst verlassen sind, jeder eine andere Stelle am Kurs ergattert hat.

Bereits aus der Startmaschine springt Saddex schlecht ab, während die jubelnden Japaner ihre Pferde Chosan, Cosmo Bulk und Fusaichi Pandora vorn sehen. Ausgangs der Zielgeraden, als die Stimmung sich steigert wie bei zwei Toren der Brasilianer hintereinander im voll besetzten Maracana-Stadion, scheint er außen doch noch eine Chance auf eines der zehn Platzgelder zu haben. Doch ein kleiner Schlenker nach links – vielleicht wieder wegen der ungewohnten Atmosphäre – bringt den Deutschen auch um diesen Lohn; am Ende reicht es nur zum elften Platz. An der Spitze aber sind es die Favoriten, die in dem prestigeträchtigen Rennen nach vorn gepeitscht werden. Es wird der japanische Triumph: Admire Moon mit Jockey Yasunari Iwata setzt sich in einem dramatischen Finale gegen Pop Rock unter dem Franzosen Olivier Peslier durch, Dritter wird der Favorit Meisho Samson unter Starjockey Yutaka Take.

Bereits ein paar Minuten später, als die Nationalhymne gerade verklungen ist und beim siegreichen Jockey immer noch die Tränen fließen, sind die reservierten Plätze am Führring wieder besetzt. Es steht schließlich noch ein Rennen auf dem Programm, erst dann fliegt die heilige Zeitung in den Papierkorb. Sie hat gute Dienste getan, einfach liegengelassen wird sie deshalb nicht.

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