Sport : Verlorene Gewissheiten

Gegen Argentinien mangelte es dem Team von Joachim Löw an Präsenz, Kraft und Frische. Kann passieren. Aber war es beim EM-Aus nicht genauso? Und spiegelt das Team nicht auch den Trainer?

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Hände hoch. Erst 1:3 verloren, dann mit Oliver Kahn verkracht: Selten wirkte Joachim Löw so angefasst wie derzeit. Foto: Reuters
Hände hoch. Erst 1:3 verloren, dann mit Oliver Kahn verkracht: Selten wirkte Joachim Löw so angefasst wie derzeit. Foto: ReutersFoto: REUTERS

Als sich die Geisterstunde auf den Weg machte, fasste Joachim Löw den scheidenden Sprecher der Nationalmannschaft, Harald Stenger, um und verließ mit diesem das Podium des Frankfurter Fußballstadions. Wer ihnen einen Moment lang nachschaute, wusste nicht, wer hier eigentlich wen stützte. Zum Jubeln war beiden nicht zumute. Der eine, Stenger, wäre gern im Amt geblieben, musste aber wegen Drucks von oben gehen. Und Löw, der andere, hätte das Spiel gegen Argentinien gern gewonnen, um das etwas in Schieflage geratene Bild, das die deutsche Fußballnationalmannschaft und ihr Trainer seit dem merkwürdigen EM-Aus vor sieben Wochen abgeben, wieder ins Lot zu bringen.

Mit einer 1:3-Niederlage gegen die Südamerikaner ist die deutsche Nationalmannschaft zwar faktisch in einen neuen Zyklus gestartet, an dessen Ende im Sommer 2014 in Brasilien möglichst der vierte WM-Titel herausspringen soll. Doch irgendwie wirkt das Halbfinal-Aus der wichtigsten Mannschaft des Landes gegen Italien noch merklich nach. Man könnte auch sagen: Mit der Leichtigkeit und der Siegesgewissheit ist es im Moment dahin.

Schön, solche Spiele und Ergebnisse wie am Mittwochabend sind deutschen Mannschaften immer mal wieder untergekommen. Übermäßige Bedeutung hat man diesen Freundschaftsspielen im August ohnehin nie beigemessen, was sich auch dieses Mal verbietet, weil die Nationalspieler gerade aus der Saisonvorbereitung zusammengetrommelt wurden. Zudem war ein halbes Dutzend Stammspieler erst gar nicht angereist.

Er habe schon geahnt, dass es seinen Spielern noch etwas an körperlicher Präsenz, Kraft und Frische fehlen würde zu diesem frühen Saisonzeitpunkt, sagte Joachim Löw nach dem Spiel. Das alles wäre auch nur halb so schlimm, wenn man einen ganz ähnlichen Eindruck nicht auch schon vor gut sieben Wochen bekommen hätte, wo es der deutschen Elf bei der EM am Ende einer Bundesligasaison ebenfalls an Präsenz, Kraft und Frische gefehlt hatte. Nicht, dass es am Ende an ganz anderen Dingen mangelt. An Dingen, die nicht so einfach wegtrainierbar sind.

Oliver Kahn etwa, der mal das deutsche Tor hütete und nun das Mikrofon im Öffentlich-Rechtlichen hält, sprach von fehlenden zehn Prozent Siegeswillen. „Zehn Prozent, oder acht, oder zwölf – ich kann damit nichts anfangen“, sagte Löw. Der Bundestrainer widersprach dem früheren Nationalmannschaftskapitän. Er wolle gern mal wissen, wie sich so etwas messen lasse? Löw könne seinen Spielern diesen Vorwurf, es nicht gewollt und nicht auch probiert zu haben, nicht machen. „Wem soll ich das sagen? Dem Schmelzer, Bender oder doch dem Khedira.“

Fakt ist, dass die deutsche Mannschaft derzeit ein etwas komisches Bild abgibt. Und das liegt auch irgendwie an Joachim Löw selbst. Dem Bundestrainer darf angerechnet werden, dass er die Mannschaft im Laufe seiner Amtszeit zum Laufen gebracht und aus ihr einen Titelkandidaten geformt hat. Insofern könnte er sich den Vorwurf gefallen lassen, das Spiel gegen die Italiener vercoacht zu haben. Leider hat er diesen berechtigten Teil der mitunter albernen Kritik nicht angenommen.

Ebenso ist ersichtlich, dass dem Spiel der Deutschen über den Sommer etwas verloren gegangen scheint: eine Mischung aus Durchschlagskraft, Raffinesse, Kultur, Organisation, Souveränität und Stabilität. In gewisser Weise spiegelt das Team den Trainer. Löw wirkte in den Tagen von Frankfurt am Main angefasst wie selten. Mit anderen Worten: Die deutsche Elf startete 20 Minuten gut gegen die starken Argentinier. Sie attackierte früh, kam durch schöne Kombinationen zu Chancen, ließ diese aber aus. Ein Elfmeter für den Gegner, ein Platzverweis des Torwarts und ein Eigentor reichten, um die Mannschaft aus dem Konzept zu bringen. Oder wie es Löw sagte: „Der Spielverlauf war so ein bisschen gegen uns.“

Normalerweise bieten August-Länderspiele nur bedingt Aussagekraft, aber durch die zeitliche Enge zur EM, die für Löws Mannschaft auf schmerzliche Art und Weise endete, hat die allgemeine Erregtheit noch einmal zugenommen. Hat die Mannschaft mit diesem fantastischen Spielerpotenzial sich etwa wieder ein Stück von der Weltspitze entfernt?

Vor einem Jahr noch wurde zum gleichen Zeitpunkt der Rekordweltmeister Brasilien 3:2 bezwungen. Im vergangenen Herbst dann wurde Vizeweltmeister Holland vom Platz gefegt, die Zeit schien reif für die Elf von Löw, die Spanier vom Thron zu holen. Doch der Weltmeister wartete im EM-Finale von Kiew vergebens auf die deutschen Herausforderer.

Und so wird die Diskussion den Trainer und seine Mannschaft noch ein Stück begleiten. Ein Teil des Windes, den Mannschaft und Trainer stets im Rücken spürten, kommt nun von vorn. Ein wenig mehr Selbstkritik kann da nicht schaden. Denn der Ausblick stimmt ja. Und nicht, weil demnächst die kickenden Halbprofis von den Färöer vorbeischauen.

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