Sport : Verlorener Rekord

Joachim Johansson schlägt 51 Asse – und unterliegt bei den Australian Open trotzdem Andre Agassi

Alexander Hofmann[Melbourne]

Als Andre Agassi vor Beginn der Australian Open mit anderen Spielern eine Initiative eines Sponsors vorstellte, hätte er sich wohl kaum gedacht, dass er unfreiwillig so viel zum Gelingen der Aktion beitragen würde: Der Sponsor wollte pro Ass 100 Australische Dollar beim Turnier in der Rod-Laver-Arena zugunsten eines guten Zwecks stiften. Mehr als ein halbes Hundert Asse musste Agassi im Achtelfinale der Australian Open über sich ergehen lassen, genau 51 Mal berührte der Schläger des Amerikaners nicht einmal die Bälle, die sein Gegner Joachim Johansson mit Geschwindigkeiten von bis zu 225 Stundenkilometern übers Netz jagte. 5100 Australische Dollar kamen so für den guten Zweck zusammen, damit war es allerdings mit Agassis Großzügigkeit vorbei – den Sieg buchte er mit 6:7 (4:7), 7:6 (7:5), 7:6 (7:3), 6:4 auf sein eigenes Konto. Nun trifft er im Viertelfinale auf den Schweizer Weltranglistenersten Roger Federer.

Johansson stellte einen neuen Rekord auf und setzte eine sonderbare Serie fort. Seit die Spielervereinigung ATP 1991 begann, die Zahl der pro Spiel geschlagenen Asse zu erfassen, haben die Führenden in dieser Statistik immer verloren. Der bisherige Rekordhalter, der Wimbledonsieger von 1996, Richard Krajicek aus den Niederlanden, unterlag trotz 49 Assen dem Russen Jewgeni Kafelnikow in fünf Sätzen im Viertelfinale der US Open 1999. Dem Brasilianer Gustavo Kuerten erging es mit 47 Assen im Daviscup gegen den Kanadier Daniel Nestor 2003 nicht besser. Der neue Rekord ist umso bemerkenswerter, weil er Johansson in nur vier Sätzen gelang. Vielleicht seien die vielen unberührten Aufschläge Ausdruck einer besonderen Verzweiflung, möglichst viele Asse zu produzieren, sagte Agassi. Dafür spricht die Tatsache, dass sein Gegner zum Beispiel beim Stand von 6:4 im Tiebreak des ersten Satzes gar mit dem zweiten Aufschlag einen Ball übers Netz brachte, dem Agassi nur hilflos hinterherstarren konnte, weil er mit 217 Stundenkilometern an ihm vorbeizischte. Agassi sagte: „Das hat keinen Spaß gemacht.“ Ein Spiel wie das gegen Federer, der bisher noch keinen Satz verloren hat, sorgt bei dem 34-jährigen viermaligen Melbourne-Gewinner dagegen für Vorfreude. „Für solche Matches spiele ich“, sagte Agassi, der zwar die ersten drei Begegnungen gegen den überragenden Spieler der vergangenen Saison gewonnen hatte, seitdem aber drei Mal gegen den Schweizer verlor.

Agassis Match war der Höhepunkt eines Wochenendes, das zwar diverse knappe Spiele, aber keine Favoritenstürze brachte. Neben den Assen Johanssons sorgte die Spucke des Argentiniers Juan Ignacio Chela für die größte Aufregung. Der Südamerikaner ließ, genervt von dem dauernden „Come on“-Gebrüll des Lokalmatadoren Llyeton Hewitt, den Speichel in Richtung des Australiers fliegen, was ihm eine Strafe von 2000 US-Dollar einbrachte, obwohl er sich noch auf dem Platz entschuldigte und ihn die Viersatz-Niederlage wahrscheinlich mehr störte.

Weder durch Spucken noch durch zahlreiche Asse war am Samstag Philipp Kohlschreiber aufgefallen. Er ist als einziger Deutscher in der zweiten Woche noch dabei und hat mit dem Erreichen des Achtelfinals einen neuen Höhepunkt in seiner noch jungen Karriere erlebt. Kohlschreiber besiegte den französischen Qualifikanten Jean-Rene Lisnard 7:5, 6:3, 6:2 und traf in der Nacht zum Montag auf den Weltranglistenzweiten Andy Roddick aus den USA. Der 21-jährige Bayer profitierte in dem Match gegen Lisnard auch von der körperlichen Erschöpfung seines Gegners, der in den beiden ersten Runden des Turniers jeweils einen 0:2-Satzrückstand aufgeholt hatte. Philipp Kohlschreiber genoss seinen Erfolg in vollen Zügen. Wenn er wieder nach Hause kommt, will er seine Freunde zum Essen einladen, erzählte er. Mit der Rechnung im Restaurant dürfte der junge deutsche Tennis-Profi aus Bayern keine Probleme haben, ein Preisgeld von umgerechnet 44 000 Euro ist ihm nach dem Erreichen des Achtelfinals bereits sicher.

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