Sport : Verneigung vor dem Rekordhalter

Stefan Hermanns

Es gibt Fußballspiele, da ist das Geschehen auf den Rängen gelegentlich amüsanter als die Darbietung auf dem Feld. Die Begegnung zwischen dem 1. FC Köln und Hertha BSC im Müngersdorfer Stadion war so ein Spiel. Von Anfang an schien es so, als wollten die Spieler den weit kreativeren Anhängern auf den Tribünen nicht die Schau stehlen. "Ihr habt Lokalverbot", sangen die Anhänger des FC, als bei ihrer Mannschaft mal wieder keine Aussicht auf Tore bestand. Das geht schon seit Wochen so, und allzu viel Nachsicht dürfen die Profis nicht mehr erwarten, nachdem die lokalen Medien in der vergangenen Woche enthüllt haben, dass einige Kölner Spieler nach der Niederlage in Nürnberg angeblich bis tief in die Nacht dem Kölsch zugesprochen haben.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Unter normalen Umständen hätte das Spiel gegen Hertha das missliche Verhältnis zwischen Fans und Spielern noch weiter verschlechtert. Nach elf Minuten köpfte Stefan Beinlich den Ball ins Kölner Tor, und gewöhnlich reicht dem Gegner ein Treffer, um das Spiel gegen den FC sicher zu gewinnen. Seit 959 Spielminuten hatte vor der Begegnung kein Kölner Spieler mehr getroffen. Nur der 1. FC Saarbrücken war in 39 Jahren Bundesliga-Geschichte noch länger ohne Tor geblieben - fünf Minuten länger. Ein lokaler Telefonanbieter hatte vor dem Spiel 5000 Euro für die Jugendabteilung des Klubs ausgelobt, sollte in den ersten fünf Minuten ein Tor fallen - "damit wir nicht den Scheiß-Titel der erfolglosesten Bundesliga-Mannschaft aller Zeiten kriegen". Doch auch das nutzte nichts. Die Kölner stellten die alte Rekordmarke locker ein. "Spitzenreiter", sangen die FC-Fans, als es um kurz nach halb vier so weit war. Die alte Schlechtestmarke wurde um 69 Minuten überboten und liegt jetzt bei 1033 Minuten.

Als die Herthaner den knappen Sieg nur noch über die Runden schaukeln wollten, traf Thomas Cichon plötzlich zum 1:1-Endstand. Für die Kölner wird der Teilerfolg kaum reichen, den Abstieg noch zu verhindern. Die Fans allerdings feierten ihre Spieler danach so euphorisch, als habe es die Wochen des Misserfolges nie gegeben.

So ist der Kölner. Erst pfeift er Christian Springer bei jeder Ballberührung aus, weil er kurz zuvor eine Flanke weit hinter Herthas Tor geschlagen hat; hinterher sind alle Spieler wieder die Helden. In Berlin aber ist Springer eher der Bösewicht. Als er nach dem Spiel in Herthas Kabine wollte, wurde ihm der Zutritt verwehrt. Das lag an Springers Aktion gegen den Berliner Verteidiger Marko Rehmer. 17 Minuten waren gespielt, als der Kölner Offensivspieler Rehmer an der Seitenlinie in die Beine fuhr, "voll in die Knochen", wie Herthas Trainer Falko Götz klagte. Rehmer erlitt einen Außenbandriss, "wir haben sogar befürchtet, dass er sich auch das Schienbein gebrochen hat", sagte Götz. Wenigstens das bestätigte sich bei der Untersuchung im Krankenhaus nicht. Herthas Nationalspieler konnte am Abend mit der Mannschaft zurück nach Berlin fliegen. Allerdings musste Götz einen zweiten Verletzten beklagen: Michael Hartmann hatte sich kurz vor Schluss bei einem Zweikampf mit Thomas Cichon einen Kieferbruch zugezogen: "Alles in allem war das kein sehr glücklicher Tag für uns", sagte Götz.

Das lag natürlich auch am enttäuschenden Ergebnis gegen den Tabellenletzten. Nach drei Siegen unter dem neuen Trainer gab es im vierten Spiel mit Falko Götz die ersten beiden Punktverluste. Ab Mitte der zweiten Halbzeit ließen die Berliner die Entschlossenheit vermissen. Ein wenig schienen sie auf die ewige Torlosigkeit des 1. FC Köln zu vertrauen. Torwart Gabor Kiraly klagte: "Wir müssen richtig gegenhalten." Das taten seine Mitspieler aber nicht mehr. Schon Miroslav Baranek besaß nach 53 Minuten eine gute Ausgleichschance, sein Schuss ging nur knapp am Tor vorbei. In der Offensive hingegen "haben wir gesündigt", sagte Götz. Josip Simunic traf nach einer Ecke per Kopf nur die Latte, häufig wurden gute Kontermöglichkeiten schon im Ansatz verschludert. Götz vermisste "dieses letzte Maß an Präzision", das auch gegen einen designierten Absteiger notwendig ist, um zu gewinnen. "Wenn man sieht, wie unsere Konkurrenten gespielt haben", sagte Herthas Abwehrspieler Denis Lapaczinski, "ist das Unentschieden doppelt ärgerlich."

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