Sport : Verschätzt und versprochen

Jens Lehmann erzählt laut und öffentlich, dass er beim FC Arsenal bleiben will – und muss deshalb wohl denVerein verlassen

Raphael Honigstein[London]

Jens Lehmann glaubte zu wissen, wie die Medienlandschaft in Großbritannien funktioniert. Da wurde der deutsche Torhüter am Montag wieder einmal gefragt, ob er nun bei Arsenal bleibe oder nicht. Lehmann sagte: „Ich werde mich zu dem Thema am kommenden Wochenende äußern. Aller Wahrscheinlichkeit nach werde ich das über den Boulevard machen, da für mich sonst die Gefahr besteht, dass Passagen sinnentfremdet weiter verarbeitet werden. Leider funktionieren die Medien heute so.”

Und wie die Medien auf der Insel funktionieren, konnte der Torwart von Arsenal tags darauf in großen Lettern bestaunen: „Jens at war“, also „Jens auf dem Kriegspfad“, titelte die „Sun“ am Dienstag, und auch „Mirror“ und „Daily Mail“ brachten „Lehmanns Wut auf Wenger“ („Mirror“) auf den Titelseiten ihrer Sportteile. Arsenals Torwart, nach Aussage von Trainer Arsène Wenger offiziell nur noch die Nummer zwei im Team, hatte den englischen Reportern nach seinem Einsatz im FA-Pokal gegen Stoke City (2:1) am Sonntag in einem unbedachten Moment im Spielertunnel offen sein Leid geklagt. „Natürlich bin ich überrascht, dass ich auf der Ersatzbank sitze”, wird der von Wenger Anfang Dezember ausgemusterte 35-Jährige am Dienstag zitiert. „In diesem Verein glaubt der Boss, dass jedes Gegentor einem Torwartfehler entstammt. Wenn sie jemanden finden können, der niemals auch nur den kleinsten Fehler macht, sollten sie ihn sofort unter Vertrag nehmen. Aber es wird sehr schwer, diese Person zu finden.”

Seit Wochen wird an der Themse gerätselt, warum anstatt dem in der vorigen Saison ungeschlagenen und von Wenger noch vor sechs Monaten hoch gelobten Deutschen nun der Spanier Manuel Almunia den Kasten der Gunners hüten darf. Arsenal-Insider wollen gehört haben, dass Lehmann wegen seines Wunsches, an der Asien-Reise des DFB teilzunehmen, eine heftige Meinungsverschiedenheit mit Wenger gehabt hätte, aber Lehmann bestreitet dies.

Wahrscheinlicher ist, dass es einen großen Auslöser für Lehmanns Demission gar nicht gab. Vertraute von Wenger berichten von einem schleichenden Prozess des Vertrauensverlustes, der mit den unglücklichen Gegentreffern im Champions-League-Viertelfinale gegen den FC Chelsea im Frühjahr begann. Nach der Niederlage gegen Liverpool im Dezember führte Wenger viele Einzelgespräche und sah sich danach gezwungen, ein Zeichen zu setzen. Lehmann musste auf die Bank. In der Mannschaft gab es nach der Entscheidung keine Unruhe. Im Gegenteil – Almunia wird von der mächtigen Franzosen-Fraktion um Thierry Henry und Patrick Vieira protegiert, Lehmann genoss bei den Schlüsselspielern nie den vollen Rückhalt.

Lehmann hat jetzt zur Kenntnis nehmen müssen, dass Wenger Verständnis für einen Vereinswechsel des bis 2006 unter Vertrag stehenden Nationaltorwarts geäußert hat. Der Trainer scheint ihn pünktlich zur Transferzeit zum Verkauf freigegeben zu haben. Lehmann hätte nach 18 Monaten in England eigentlich wissen müssen, dass ein Spieler, der über die Medien kontroverse Themen anspricht, als lästiger Unruhestifter, schlimmstenfalls sogar als Verräter gilt. Wenger, der im Verein als allmächtig gilt, wird sich von Lehmann sicher nicht unter Druck setzen lassen; „die unglaubliche Attacke“ („Daily Mail“) auf seine Autorität wird er Lehmann wohl nicht verzeihen. Falls der mit der Reservistenrolle unglückliche Torhüter seinen vorzeitigen Rausschmiss in London provozieren wollte, ist er diesem Ziel ein ganzes Stück näher gekommen.

Doch das wird wohl eher nicht die Absicht des Deutschen gewesen sein. Dafür weiß Jens Lehmann jetzt, wie die Medienlandschaft in Großbritannien funktioniert.

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