Sport : Verschimmelte Nesthockerei

-

Stefan Hermanns über den Spielplan für die FußballWM 2006

Der Schwabe an sich, so hat der schwäbische Mundartdichter August Lämmle (1876- 1962) einmal behauptet, zeichne sich durch verschlossene Zurückhaltung aus, ja er neige sogar zu verschimmelter Nesthockerei. Er besitze, so der Theologe und Philosoph Theodor Vischer (1807-1887), ein nachdenkliches Wesen und sei unvermögend, sich aus sich herauszuleben. Der Pädagoge und Spracherzieher Fritz Rahn (1891-1964) wiederum hat den Schwaben eine befremdliche Zaghaftigkeit bescheinigt. Mit anderen Worten: Der Schwabe ist für das Dasein als Fußballfan gänzlich ungeeignet.

Aber die Schwaben haben das Glück, dass einer der Ihren, Gerhard Mayer-Vorfelder, eine beachtliche Karriere in allerlei Sportverbänden gemacht hat. Mayer-Vorfelder ist Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Beisitzer im Präsidium des Nationalen Olympischen Komitees, Aufsichtsratsvorsitzender des lokalen Organisationskomitees für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006, Mitglied in der Fifa-Spielerstatutkommission, Mitglied des Uefa-Exekutivkomitees und bestimmt noch einiges mehr. Mit anderen Worten: Gerhard Mayer-Vorfelder ist im internationalen Sport ein mächtiger Mann. Und im Fußball allemal.

Gerhard Mayer-Vorfelder ist aber auch ein heimatverbundener Mensch. Man kann das daran erkennen, dass im Stuttgarter Gottlieb-Daimler-Stadion, einem der stimmungsärmsten Stadien Deutschlands mit Leichtathletik-Laufbahn und viel Platz zwischen Rasen und Rängen, oft die schönsten Fußball- Länderspiele ausgetragen werden: 1998 gegen Brasilien zum Beispiel oder vor der Weltmeisterschaft 2002 gegen den damaligen Turnier-Favoriten Argentinien oder gerade erst im August gegen die europäische Fußball-Großmacht Italien. Und wenn es nach Mayer-Vorfelder gegangen wäre, hätte Stuttgart bei der Weltmeisterschaft 2006 wohl auch eines der beiden Halbfinalspiele austragen dürfen. Doch der Weltfußballverband Fifa hat sich anders entschieden: für Dortmund und München. Das lag insofern nahe, als Dortmund und München die beiden größten Stadien nach dem Berliner Olympiastadion besitzen.

Die Stuttgarter dürfen sich immerhin damit trösten, dass sie zu den vier privilegierten Städten gehören, in denen sechs Begegnungen stattfinden. Außerdem ist das Daimler-Stadion Austragungsort für das Spiel um Platz drei – ein Spiel, das in der Regel kein besonderes Interesse erregt, das also als Kompensation für Mayer-Vorfelders unerfüllte Wünsche bestens geeignet ist. Jetzt sollten die Deutschen nur noch hoffen, dass ihre Nationalmannschaft bei der WM im Achtelfinale nicht in Stuttgart spielen muss. Im Daimler-Stadion hat sie zuletzt viermal in Folge verloren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben