Sport : Verstörte Sieger

Nach dem kuriosen 2:1-Erfolg in Hannover gönnt sich die Mannschaft von Bayer Leverkusen nur einen Anflug von Freude

Erik Eggers

Hannover. So sehen eigentlich Verlierer aus. Sportler frei von jedwedem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Nationalspieler Carsten Ramelow etwa schlängelte sich, nachdem er nach einer denkwürdigen Partie den engen Spielertunnel im Fußballstadion von Hannover hinauf gehastet war, mit tief gesenktem Haupt vorbei an den wartenden Journalisten. Boris Zivkovic eilte ihm mit deprimiertem Gesichtsausdruck hinterher, und auch ein peinlich berührter Marko Babic verspürte keine Lust, auch nur ein Wort über die vergangenen 90 Minuten zu verlieren. Dabei hatten die Spieler von Bayer Leverkusen, das war das Bizarre an diesen Szenen der Flucht, das erste Mal nach fünf Niederlagen in Folge gewonnen, und mit dem 2:1 (0:1) bei Hannover 96 nicht nur einen direkten Konkurrenten im Abstiegskampf besiegt, sondern auch wieder die Abstiegsränge der Bundesliga verlassen.

Doch trotz dieses wichtigen Erfolges wagte es keiner bei Bayer Leverkusen, sich unmittelbar nach dem Spiel öffentlich zu freuen. Zu sehr verstörte die Akteure anscheinend noch das Zustandekommen dieses kuriosen Erfolgs. Selten hat man Sieger so geschockt gesehen. Nur der ehemalige Hannoveraner Jan Simak, der an alter Wirkungsstätte von den 96-Fans ausgepfiffene Schütze des entscheidenden Tores in allerletzter Minute, ließ sich trotz seines – bis auf den Treffer – nicht eben beeindruckende Leistung mit bemerkenswerter Chuzpe abfeiern. Der Tscheche war bester Dinge. „Es war ein schweres Spiel für mich“, sagte Simak. „Wir standen lange Zeit in der Verteidigungsposition, die Partie lief an mir vorbei. Aber am Ende bin ich mit dem Verlauf natürlich zufrieden.“

Die Art und Weise des Leverkusener Spieles war Ausdruck der Verstörtheit einer ehemaligen Spitzenmannschaft, die schließlich nur vom Ergebnis überdeckt wurde. Die Defensivabteilung von Bayer wirkte fast durchweg indisponiert, die völlig verunsicherten Abwehrspieler Zivkovic, Placente, Kaluzny und Balitsch nämlich wurden, wenn überhaupt, allenfalls als lästige Slalomstangen wahrgenommen von den Hannoveranern. Das Mittelfeld von Bayer wirkte überfordert und auch Stürmer Franca, der mit seiner Leistung in der Champions League beim 1:3 gegen Newcastle United noch Hoffnung auf Besserung verkörperte, stolperte nur über den Platz. Nur der diesmal überragende Bayer-Torhüter Jörg Butt hielt mit fantastischen Paraden seine Mannschaft im Spiel.

„In Hannover wird sich zeigen, mit wem ich im Abstiegskampf rechnen kann“, hatte der neue Bayer-Coach Thomas Hörster gesagt. Den ersten 45 Minuten nach müsste die für Hörster eine Rechnung mit zehn Unbekannten werden; da spielten die Leverkusener nämlich so, als hätten sie sich schon lange im Abstiegskampf aufgegeben. Da es am Ende aber überraschender Weise 2:1 für Bayer Leverkusen stand, war der Nachfolger von Klaus Toppmöller mit seiner Mannschaft zufrieden. „Die drei Punkte sind alles was zählt“, sagte Thomas Hörster. „Die Truppe hat Charakter gezeigt. Jetzt können wir anfangen, vernünftig zu arbeiten. Jetzt sind die Köpfe frei.“

Das bleibt abzuwarten, denn beim Spielerpersonal von Hörster wirkte mancher doch trotz des Sieges doch recht unruhig. „Eine Katastrophe“ war die erste Halbzeit nach Meinung von Leverkusens Torhüter Jörg Butt. „In den ersten 20 Minuten hätten wir hier auch untergehen können“, sagte Butts Mitspieler Hanno Balitsch. Allein Hannovers Kameruner Stürmer Mohammadou Idrissou besaß in der ersten Halbzeit Chancen für drei Spiele, und auch sein Kollege Jiri Kaufman spazierte ungehindert durch die gegnerischen Reihen. Nur viel Glück und Torwart Butt verhinderten einen hohen Rückstand.

Dass Leverkusen schließlich die Niederlage abwenden konnte, führte Hörster auf einen Schulterschluss in der Kabine zurück. „Wollt Ihr so weitermachen, oder wollt Ihr endlich etwas riskieren?“, habe er seine Spieler in der Halbzeitpause gefragt. Zu Freude des Trainers hatte sich seine Mannschaft dann für die zweite Möglichkeit entschieden und wurde für ihre Risikofreude auch belohnt. Das wiederum konnte Hörsters Hannoveraner Kollege nicht verstehen. Ralf Rangnick war fassungslos. „Ich kann mich nicht erinnern, jemals ein Spiel verloren zu haben, wo wir 90 Minuten lang die klar bessere Mannschaft waren“, sagte der Trainer von Hannover 96. „Dass wir dieses Spiel noch aus der Hand gegeben haben, ist vollkommen unglaublich“, sagte der Hannoveraner Kostas Konstantinidis. Und mit seiner Analyse lag der ehemalige Abwehrspieler von Hertha BSC wohl richtig.

Wie glücklich der Sieg von Bayer Leverkusen zu Stande kam, stellte Reiner Calmund direkt nach dem Spiel klar. „Wir müssen Telegramme an den Papst und den lieben Gott schicken“, sagte der Manager von Bayer. Mit dieser – ein wenig angestaubten – Metapher lag der barocke Chef aus Leverkusen wohl richtig: Der Sieg bei Hannover 96 aber wird als kurioses Kapitel in der nicht eben fröhlichen Geschichte von Bayer Leverkusen in dieser Saison seinen festen Platz bekommen.

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