Sport : Verstopfte Quellen

Robert Hartmann

Die frühere DDR-Eiskunstläuferin Katarina Witt hat ihre glanzvolle Karriere schon längst beendet. Doch ihre Vergangenheit lässt sie noch nicht los. Plötzlich gibt die Olympiasiegerin ein besonders anschauliches Beispiel ab für die Auswirkungen des so genannten Kohl-Urteils des Bundesverwaltungsgerichts vom 8. März. Danach dürfen Informationen aus den Stasi-Akten über Personen der Zeitgeschichte nur mit deren ausdrücklicher Einwilligung an Wissenschaftler und Journalisten herausgegeben werden.

In einem Rechtsstreit von Katarina Witt mit der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, geht es um die 1200 Seiten, die von der Stasi über die Sportlerin angefertigt wurden. Birthler möchte Forschern und Journalisten anonymisierte Kopien zugänglich machen, doch die Olympiasiegerin wehrt sich juristisch dagegen. Die Akten seien "so intim wie Tagebücher", sagt Witt. Allerdings darf laut Stasi-Unterlagen-Gesetz sowieso nichts Intimes aus den Akten veröffentlicht werden.

Katarina Witt hat ihre konspirativ ermittelten angeblichen Bett-Intimitäten selber längst veröffentlicht, und außerdem liegt Birthler nichts am Waschen schmutziger Wäsche. Sie hebt auf die 181 Seiten ab, auf denen sie die Sportlerin als eine Stasi-Begünstigte erkannt haben will. Begünstigt worin? Durch die Vermittlung eines Westautos? Oder weil Witt womöglich auf der Gehalts- oder Prämienliste stand oder anderweitig mit jenem Staatssicherheitsdienst zusammen arbeitete, den der Potsdamer Sportwissenschaftler Giselher Spitzer "terroristisch" nennt?

"Warum wehrt sie sich gegen die Herausgabe?", fragt Spitzer. Gehe es Frau Witt am Ende gar nicht um die Intimitäten, die ohnehin unter Verschluss liegen müssen? Hier greift das Urteil der Bundesrichter, sofern das Gesetz nicht bald vom Bundestag novelliert wird, mit aller Schärfe: Die Sportlerin sagt einfach Nein - der Fall ist erledigt.

Ein anderes, drohendes Szenario: Ein geschädigter Hochleistungssportler findet in seiner Opferakte Unterlagen über seinen Gesundheitszustand, aber alle Angaben über verantwortliche Personen sind geschwärzt. Das Opfer erkennt nicht mal, ob es sich bei dem Täter um einen Sektions-, Verbands- oder überhaupt um einen Arzt gehandelt hat. Spitzer sagt, er habe in einer Akte einen Arzt entdeckt, der damit prahlte, ein Mädchen ohne dessen Wissen mit Anabolika gedopt zu haben. Er fand die Frau. "Plötzlich konnte sie sich ihre gesundheitlichen Probleme erklären." Sie war ohne ihr Wissen mit aggressiven Depotspritzen gedopt worden. Das neue Urteil verhindert nun entsprechende Recherchen.

Ein besonderer Fall ist jener des Leipziger Sportwissenschaftlers Harold Tünnemann. Der war während der Wendezeit als sportwissenschaftlicher Sprecher im Neuen Forum und in der Modrow-Regierung aktiv. In der DDR leitete er die Forschungsgruppe Ringen. Spitzer fand in der Birthler-Behörde die erste amtliche Dopingrichtlinie, durch Unterschrift autorisiert. Die Unterschrift stammt ausgerechnet von Tünnemann, der auch den Text schrieb. Inzwischen ist er Mitglied beim Nationalen Olympischen Komitee. Er wehrt sich gegen die Vorwürfe, doch in der kompromittierenden Akte können Wissenschaftler die Wahrheit lesen. Doch wenn Tünnemann sie nun sperren lässt, dann sieht die Akte keiner mehr. Spitzer sieht noch eine weitere Gefahr. "2003 können die Akten vernichtet werden. Dann stehen wir mit unseren Kopien da, und die Frage wird kommen, ob die echt seien. Dann gibt es neuen Rechtsstreit."

Der Prozess gegen den obersten DDR-Sportfunktionär Manfred Ewald hätte nach aktuellem Stand keine Rechtsgrundlage mehr gehabt. Spitzer sagt: "Das Bundesverwaltungsgericht darf mit seinem Urteil nicht das letzte Wort haben. Stasi-Akten sind der einzige Wissensspeicher über Körperschäden und berufliche Verfolgungen. Diese Quelle darf nicht zugesperrt werden."

0 Kommentare

Neuester Kommentar