Sport : Versuch einer Etappe

Der Alltag kehrt zur Tour zurück: Wegmann erobert das Bergtrikot, Hincapie übernimmt das Gelbe Trikot

Sebastian Moll[Strassburg]

Es war nicht einfach an diesem Wochenende für die Fahrer bei der Tour de France, sich wieder auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Der Schock der Enthauptung der Tour durch den Favoritenausschluss am Freitag saß ebenso tief wie die Fassungslosigkeit über die Ausmaße des Dopingskandals, der den Start in Straßburg überschattet hatte. „Ich hatte mich sehr auf die Tour gefreut“, sagte der Fahrer vom Team Gerolsteiner, Fabian Wegmann, am Sonntag früh vor dem Start. „Aber meine Ziele und meine Form interessieren jetzt wohl niemanden mehr.“ Sogar Wegmann selbst hatte wie viele seiner Kollegen zwischenzeitlich die Lust an seinem Job verloren.

Doch am Sonntag rollte die Tour tatsächlich los auf ihren 3600 Kilometer langen Weg, und die Profis mussten irgendwie wieder in ihren Berufsalltag finden. Wegmanns Aufgabe für die erste Tour-Woche war es, seine Mannschaft in möglichst vielen Fluchtgruppen zu vertreten, und das tat er auf dem Rundkurs von Straßburg nach Straßburg durch das Elsass dann auch vorbildlich. 157 Kilometer fuhr er in einer fünfköpfigen Ausreißergemeinschaft vor dem Feld her und sammelte dabei auch noch an der ersten Bergwertung der Tour das Trikot des Bergbesten ein. Erst 13 Kilometer vor dem Ziel wurde er vom Feld wieder eingefangen, dessen Zielsprint der Franzose Jimmy Casper gewann. Erik Zabel sprintet auf Rang drei.

Noch während das Feld und die Fans versuchen zu verarbeiten, dass die großen Favoriten nicht mehr da sind, gaben am Wochenede die neuen Titelkandidaten ihre Visitenkarten ab. Allen voran der Amerikaner George Hincapie, der sieben Jahre lang der wichtigste Helfer von Lance Armstrong war. Am Samstag wurde er mit 73 Hunderstelsekunden Zweiter des Prologs hinter dem Norweger Thor Hushovd und donnerte trotzdem hinter der Ziellinie vor Zorn seinen Helm auf den Asphalt. Der Ausbruch dokumentierte Hincapies Ehrgeiz: Der New Yorker möchte nach den Jahren der Knechtschaft aus Armstrongs großen Schatten treten und selbst die Tour gewinnen. Am Sonntag zog er dann mit Hilfe eines Bonifikationssprints erstmals in seiner Laufbahn selbst jenes Gelbe Trikot über, das er seit der Tour im Jahr 1999 immer nur für jemanden anderes verteidigt hatte.

Hincapie nahm das Gelbe Trikot dem nowegischen Sprinter Thor Hushovd ab, der am Samstag überraschend den Prolog gewonnen hatte. Hushovd, der in diesem Jahr versuchen möchte, wie schon 2005 das Grüne Trikot des besten Sprinters nach Paris zu tragen, konnte seine Gesamtführung nicht verteidigen, weil er sich beim Zielsprint auf der Avenue de Foret Noire in Straßburg schwer verletzte, als er eine grüne Papphand, die ein Zuschauer auf die Strasse hinaus hielt, mit dem Arm streifte. Er blutete und musste nach der Zieldurchfahrt behandelt werden.

Zwei seiner Landsleute könnten Hincapies härteste Konkurrenten um den Tour-Sieg in den kommenden Wochen Landsleute werden. Und beide sind wie Hincapie Armstrong-Schüler. Sowohl Levi Leipheimer von der deutschen Gerolsteiner-Mannschaft, als auch Floyd Landis vom Schweizer Phonak-Team haben einst dem Seriensieger aus Texas Windschatten gespendet. Landis, der in diesem Frühjahr schon zwei bedeutende Rundfahrten gewann, wurde beim Prolog am Samstag mit neun Sekunden Rückstand Neunter. Leipheimer, der bei der Tour-Genralprobe Dauphine Libere in den Savoyer Alpen siegte, wurde etwas enttäuschend nur 36.

Der spanische Mitfavorit Alejandro Valverde kam beim kurzen Eröffnungszeitfahren, das als aussagekräftiger Form-Indikator gilt, als Fünfter ins Ziel. Gleichzeitig traf aus Spanien die Meldung ein, dass auch gegen Valverde bei der spanischen Staatsanwaltschaft Indizien des Dopings vorliegen. So könnte auch er wie Ullrich und Basso in den nächsten Tagen von der Tour-Direktion eine Abmahnung bekommen. Die Normalität bei der Tour ist noch immer eine sehr wackelige Angelegenheit.

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