Sport : Verteidigen sieht anders aus

Die Deutschen haben ein Problem mit der Abwehr.

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Hart am Mann? Mats Hummels (hinten) war gestern nicht immer auf der Höhe. Foto: AFP
Hart am Mann? Mats Hummels (hinten) war gestern nicht immer auf der Höhe. Foto: AFPFoto: AFP

Kaiserslautern - Sami Khedira tat genau das, was Joachim Löw von einem Mittelfeldspieler sehen möchte. Er machte das Spiel schnell. Anstatt den Ball erst einmal zu stoppen, spielte Khedira ihn gleich mit dem ersten Kontakt in die Spitze, präzise in den Fuß des Stürmers. Dummerweise hieß der Stürmer Wilson Pittoni – und spielte für Paraguay. Pittoni zog aus 20 Metern abzog und erzielte das 2:0 für seine Mannschaft. So leicht ist es manchmal, gegen die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ein Tor zu erzielen. Manchmal?

Am Tag vor dem Testspiel in Kaiserslautern hatte Bundestrainer Löw in einer Art Grundsatzreferat noch einmal auf genau dieses Problem hingewiesen. Die hohe Kunst des modernen Fußballs, so hatte Löw referiert, „besteht darin, defensiv gut zu stehen, ohne Catenaccio zu spielen. Und vorne noch zwei, drei Tore zu schießen!“ Das mit den Toren vorne ist für die Deutschen die geringste Schwierigkeit, wie sich auch gestern beim 3:3 gegen Paraguay wieder zeigte. Eine stabile Defensive aber will die Nationalmannschaft einfach nicht mehr hinbekommen. Nach nicht einmal einer Viertelstunde lag Löws Team gegen die Südamerikaner 0:2 zurück. In der ersten Halbzeit reichten den Gästen vier Torschüsse reichten, um drei Treffer zu erzielen. Torhüter Manuel Neuer war sichtlich erbost.

Die Deutschen sorgen sich mehr denn je um ihre Abwehrbereitschaft, und es fügt sich ganz gut, dass Paraguay dieses Problem allen noch einmal deutlich vor Augen geführt hat. Weil der Gegner Erinnerungen an ganz andere Zeiten des deutschen Fußballs geweckt hat. Als beide Mannschaft zuletzt aufeinandertrafen, war es für die Deutschen das erste von drei 1:0-Schützenfesten, mit denen sie sich vom Achtelfinale bis ins Endspiel der Weltmeisterschaft 2002 wurschtelten.

Damals war der deutsche Fußball noch nicht mit Kreativität im Angriffsspiel gesegnet, umso wichtiger war es, dass hinten nichts passierte. Das garantierten Fußballarbeiter wie Torsten Frings, Thomas Linke oder Carsten Ramelow, angeleitet von Torhüter Oliver Kahn. In den sechs Spielen bis zum WM-Finale 2002 gegen Brasilien gab es nur ein einziges Gegentor.

Zehn Jahre später zauberten Philipp Lahm, Mesut Özil oder Marco Reus bei der Europameisterschaft wunderschöne Muster auf den Rasen. Dafür kassierte Torhüter Manuel Neuer in den fünf Spielen bis zum nicht erreichten Finale gleich sechs Gegentore. Die Balance, von der Joachim Löw so gern spricht, stimmte nicht. Am auffälligsten war das im vergangenen Herbst in Berlin, als die Deutschen Schweden eine Stunde lang an die Wand spielten. Aber dann brach das Gefüge komplett in sich zusammen. Mit der Konsequenz, dass aus einem 4:0 noch ein 4:4 wurde.

„Auch die Defensive muss stimmen, und natürlich haben wir zuletzt zu viele Gegentore zugelassen“, sagt Löw. „Unsere Aufgabe muss es jetzt sein, Ausgewogenheit und Gleichgewicht herzustellen.“ Das ist leicht formuliert und doch so schwer umzusetzen. Löw sagt, er könne sich ja schlecht vor die Mannschaft stellen und anordnen: „Wir müssen besser verteidigen!“ Das sei eine komplizierte Angelegenheit und betreffe keineswegs allein die Verteidiger. Aber es sei durchaus zu hinterfragen, ob da in der Ausbildung nicht etwas verändert werden müsse.

Für die Gegenwart dürfte das ein bisschen zu spät kommen. Sven Goldmann

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