Sport : Verteidigung eigener Größe

Der Ruderin Kathrin Boron fehlt laut Bundestrainerin die Härte früherer Jahre

Frank Bachner[Oberschleissheim]

Der Bootssteg ist leicht zur Seite gekippt, deshalb ist Kathrin Borons rechte Hand vom Wasser umspült, als sie sich auf die Holzplanken stützt. Ihr Gesicht ist noch gezeichnet von den Anstrengungen auf der Ruderstrecke in München-Oberschleißheim. Der deutsche Doppel-Vierer der Frauen, mit Boron auf Platz vier, hat bei der Weltmeisterschaft gerade sein Halbfinale gewonnen. „Aber wir sind noch nicht harmonisch genug“, sagt Boron. „Da haben wir Reserven.“

Eine ideale Herausforderung für Kathrin Boron aus Potsdam also. Sie ist die Frau für schwierige Aufgaben. Sie ist die erfolgreichste Ruderin der Welt, dekoriert mit vier olympischen Goldmedaillen. „Wer mich kennt, weiß, dass ich 2008 nicht nach Peking fahre, um bloß meine fünften Olympischen Spiele zu erleben“, hat sie in München gesagt. Sie will 2008 Gold, sie will auch in München Gold. Kathrin Boron, könnte man denken, löst die Probleme.

Jutta Lau denkt, dass Kathrin Boron ein beachtlicher Teil des Problems ist. Dass der Doppelvierer seinen Vorsprung nicht souverän ins Ziel fuhr, sondern am Ende nicht harmonierte, lag für die Ruder-Bundestrainerin auch an Boron. „Sie hatte von hinten Druck gemacht, die Schlagfrau musste reagieren. Kathrin ist so erfahren, die müsste da souveräner sein.“

Kathrin Boron ist 37, das gehört für Lau zum Kern des Problems. „Die Kathrin von früher gibt es nicht mehr“, sagt sie. Die Geschichte Lau/Boron ist eine Geschichte der unterschiedlichen Wahrnehmungen. Kathrin Boron gibt sich so, als wäre alles wie früher. Sie hatte 2006 ein Jahr ausgesetzt, sie kümmerte sich um ihre Tochter, sie sammelte Kraft und Motivation für neue Aufgaben. So sieht sie es. 2007 kam sie zurück, sehr motiviert. Jutta Lau sieht aber eine Athletin, die zwar enorm fleißig trainiert, aber der die Härte von früher fehlt. „Je älter Athleten werden, umso mehr Angst bekommen sie. Sie wissen, was auf sie zukommt, sie müssen ja ihre eigene Größe verteidigen.“ Also suchten sie den Erfolg mit geringerem Aufwand. Kathrin Boron will nicht am Schlag des Doppel-Vierers sitzen, dort, wo die größte Verantwortung liegt, das ist für Lau so ein Indiz. „Und sie ist unruhiger als früher. Wenn ich mal zwei Minuten zu spät komme, wird sie schon hibbelig.“

Es geht aber auch um persönliche Enttäuschung. Lau fühlt sich von Boron im Stich gelassen. Die Olympiasiegerin hatte durch einen Fehler bei der WM 2005 den sicher geglaubten Sieg des Doppel-Vierers verpatzt. Die Bundestrainerin hätte nun eine Trotzreaktion erwartet. „Sie hätte sagen können, jetzt will ich es 2006 wieder gutmachen.“ Boron und ihre Trainerin verbindet der gegenseitige Respekt, gerade deswegen hätte Lau Unterstützung erwartet. „Ich hätte sie gebraucht.“ Aber Boron machte Pause.

Jetzt ist sie wieder da, jetzt will sie Olympiagold. Aber Lau sagt: „Sie muss sich erstmal für Olympia qualifizieren.“

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