Sport : Verweht auf dem Eis

Wie das Nationalteam in Prag scheiterte

Christiane Mitaselis[Prag]

Franz Reindl sah bedrückt aus, und das konnte man gut verstehen. „Tja, das ist die reale Welt“, sagte der Interims-Bundestrainer der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft nach dem 2:7 (0:0, 0:5, 2:2) in Prag gegen Tschechien beim World Cup. Die Zeit der Träumerei ist beendet, am World Cup nehmen im Gegensatz zu den Weltmeisterschaften nur die weltbesten Eishockey-Spieler teil – und denen ist der Weltranglisten-Achte Deutschland weiterhin hoffnungslos unterlegen. Die dritte Niederlage im dritten Vorrundenspiel war für das Team eine besonders schmerzhafte Konfrontation mit der Wirklichkeit. Wieder konnte Reindls kampfstarke, aber technisch schwache Auswahl ein Drittel lang gegen ein Topteam mithalten. Doch im zweiten Abschnitt spielten die Hochbegabten aus der NHL um Superstar Jaromir Jagr fast mit dem Gegner, der immer verängstigter wirkte. „Wir haben am Anfang gut dagegengehalten. Doch dann brach ein Sturm über uns herein“, sagte Reindl.

Es war ein rasanter, mitreißender Auftritt der Tschechen, der die zunächst ruhigen 11 000 Zuschauer in der Prager Sazka Arena zu Jubelstürmen animierte. Nach dem 1:0 im Powerplay in der 23. Minute durch einen Schlagschuss von Marek Zidlicky folgten innerhalb von nur 13 Minuten vier weitere Treffer. „Sie haben uns überrannt, sich den Frust von der Seele geschossen, es war bitter“, sagte Reindl. Das Schlussdrittel verlief zwar wieder ausgeglichener, Deutschland kam durch Tino Boos (44.) und Jochen Hecht (58.) zu Toren – die wurden allerdings jeweils umgehend von den Tschechen beantwortet. Symptomatisch für den Klassenunterschied war das 7:2, bei dem Jagr erst den Kölner Verteidiger Mirko Lüdemann, einen der technisch und läuferisch Besten im deutschen Team, wie einen Anfänger stehen ließ. Nach einem Zuspiel umspielte Vaclac Prospal den Berliner Torhüter Oliver Jonas schließlich mit unverschämter Leichtigkeit. Jonas war in der 31. Minute für Robert Müller (Krefeld) eingewechselt worden, weil der sich eine Bänderverletzung am Knöchel zugezogen hatte.

Im Viertelfinale am Montag muss Deutschland gegen Finnland antreten, das sich am Samstagabend von Schweden 4:4 nach Verlängerung trennte. In der Vorrunde war die DEB-Auswahl gegen beide Gegner ohne Chance (0:3 gegen Finnland, 2:5 in Schweden). Und auch Reindl, der die Dinge grundsätzlich positiv betrachtet, fiel der Optimismus nach dem Auftritt in Prag schwer. „Wir müssen eine solche Niederlage wegstecken. Das Viertelfinale ist ein Play-off-Spiel, da ist wieder alles möglich.“ Überzeugend klang das nicht. Reindl, der das Bundestrainer-Amt im Oktober an den US-Amerikaner Greg Poss übergeben wird, sah dabei bedrückt aus – so, als würde er ahnen, dass am Montag das nächste Debakel folgt.

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