Sport : VfB Stuttgart - 1.FC Kaiserslauten: Weil Gott ihm Kraft gibt

Oliver Trust

Es soll vorkommen, dass einem so ein Fußballspiel als unwirkliches Stück Fantasie in Erinnerung bleibt, das mehr den virtuellen Errungenschaften moderner Computertechnik gleicht als einem wirklich erlebten Sportereignis in frischer Luft bei drei Grad plus und leichtem Nieselregen. Vielleicht waren es nur die kleinen Tröpfchen auf den Brillengläsern, die manchem Anhänger des VfB Stuttgart an diesem Abend verrieten, dass er tatsächlich bei diesem wundersamen 6:1-Sieg über den 1. FC Kaiserslautern war. Und er hat tatsächlich diesen kleinen Brasilianer Adhemar gesehen, der mit seinem Stürmerkollegen Viorel Ganea all die Tore schönen schoss, wie sie sonst nur per Knopfdruck an Automaten fallen, die in Spielhöllen herumstehen oder an der Playstation daheim.

Die aus einer Depression erwachten Fußballfreunde in Schwaben redeten von ihrem neuen Helden auf dem Fußballplatz. Jenem kleinen Adhemar, von dem Trainer Rangnick sagte: "Man hat ihn beim Training im Schnee fast gar nicht gesehen." An diesem Abend sahen ihn alle. Die Verteidiger aus der Pfalz immer viel zu spät, die Zuschauer von einer ganz ungewohnten Seite. Dreimal zog er sich das Trikot über den Kopf mit den schwarzen Haaren, und dreimal stand da zu lesen: "Gott ist treu". Der gebe ihm Kraft, verriet der Mann aus Brasilien. Aber drei Tore beim Debüt, das ließ selbst einen erfahrenen Kirchgänger wie ihn zumindest an ein kleines Wunder glauben.

Vom Glauben und von Wundern sprachen sie alle. "Unglaublich", meinte der neue Stuttgarter Manager Rolf Rüssmann, "wie sich Ganea und Adhemar verstanden haben. Sie kommen aus völlig verschiedenen Welten." Wie Adhemar schoss der Rumäne Ganea drei Tore.

Vor dem Spiel hatte die Stadionregie Tore von Adhemar aus Brasilien eingespielt, als gelte es letzte Zweifel am 3,5-Millionen-Einkauf zu zerstreuen. "Keiner hat während der Woche ohne Bedenken gesagt: Der Mann ist eine absolute Rakete", sagte Rüssmann. Selbst Trainer Ralf Rangnick hatte leise Zweifel. Eine Spitze oder zwei Stürmer? "Für Adhemar muss es ein Kulturschock gewesen sein. Er kam aus 40 Grad hierher. So etwas hat er sicher noch nie erlebt", sagte der Trainer später. Und auch er lächelte. Ein wenig wegen Adhemar und ein wenig wegen Rolf Rüssmann. Es ist schließlich lange her, dass ihn jemand aus der Klubführung derart unterstützte. "Ich saß auf der Bank, um Rangnick demonstrativ zu unterstützen", erzählte der neue starke Mann. "Ich hoffe, die Diskussionen um ihn hören bald auf."

Rüssmann kommt quasi aus dem Nichts. "Vor zehn Tagen", sagte er, "wusste ich nichts über diesen Klub." Das war auch nicht nötig. "Aus Isolation von Leverkusen ist Begeisterung geworden", stellte Rüssmann nun fest. Er hat die Wende geschafft. Den Anfang auf alle Fälle. Nicht vom Schreibtisch aus. "Ich hab ein bisschen beim Training mitgespielt. Fünf gegen zwei. Da lernt man die Spieler kennen".

So einfach ist das also. Da kommt einer, der offiziell Sportdirektor heißt, in Wirklichkeit seit Tagen mehr zwischen Psychotherapeut, Lebenshelfer, Lotse und Bewährungshelfer pendelt, und erweckt einen darbenden Fußballklub zu neuem Leben. Es kam ihnen allen plötzlich so vor, als sei ein rettender Engel erschienen. Da saß einer neben Trainer Ralf Rangnick auf der Bank und unterstützte ihn. Da saß einer oben auf dem Podium und versprühte Optimismus. "Was glauben sie, in welchem Schlamassel ich schon gesteckt habe. Und da soll ich mich aufregen, weil ich Siebzehnter bin. Das Negative muss weg", sagte Rüssmann. Seit Sonnabend sind sie nicht mehr Vorletzter. Seit Sonnabend gibt es Hoffnung auf den Klassenerhalt, ohne Flüsterton spricht man vom Pokalhalbfinale gegen Schalke 04. Der Abstieg war an diesem Sonnabend ganz weit weg.

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