Sport : VfB Stuttgart - Bayer Leverkusen: Neues Stadion, neue Spieler, neues Glück

Oliver Trust

Kurz nach zehn an diesem lauen Sommerabend irrte Gerhard Mayer-Vorfelder orientierungslos durch die spärlich beleuchteten Gänge des Gottlieb-Daimler-Stadions. Draußen tobte das Volk nach dem berauschenden 4:1 Erfolg über Bayer Leverkusen - und er wollte gratulieren, wie er es 25 Jahre lang nach großen Siegen immer tat. Aber da stand der Mann, der nächsten Sommer als DFB-Präsident Chef aller deutschen Fußballspieler werden soll, statt im gleißenden Licht der Kameras plötzlich verzweifelt und ratlos unter der Haupttribüne im Dunkeln. "Ich dachte, da stimmt etwas nicht, alles war dunkel", berichtete MV belustigt.

Der 67 Jahre alte MV hatte sich verlaufen. Die Arena wird für 100 Millionen Mark umgebaut, und die Kabinen sind die nächsten Wochen auf der anderen Seite unter der Gegentribüne. Deutlicher hätte wohl kein Regisseur den Wandel inszenieren können, den der VfB Stuttgart durchmacht. Neues Stadion, neue Spieler, neues Glück. Und irgendwie gehört der Präsident nicht mehr dazu, obwohl er erst im Oktober endgültig abtritt. "Ich bin halt dorthin gelaufen, wo ich immer hin laufe", meinte Mayer-Vorfelder. "Diesmal war es falsch."

VfB-Trainer Ralf Rangnick bremste nach dem 4:1 gleich seine Gipfelstürmer, die im Stadion bis zur Erschöpfung die Welle probten. "Sie werden uns alle wieder über den grünen Klee loben. Aber die Mannschaft muss sich schnell wieder auf den Dienstag konzentrieren." Wenn der VfB daheim gegen Auxerre den Einzug in den Uefa-Cup perfekt machen will. Am späten Sonnabend kochte die Stimmung jedenfalls über nach den Toren von Heiko Gerber (31./76.), Krisztian Lisztes (62.) und dem Eigentor des Leverkuseners Nico Kovac (34.). Rangnick: "Die Mannschaft hat gezeigt, dass die Erfolge im UI-Cup keine Eintagsfliege waren". 30 000 Zuschauer feierten ein Spiel mit Konterfußball vom Feinsten.

Andere fanden die Darbietung gar nicht zauberhaft. Wie ein Boxer nach einem Tiefschlag schnappten sie nach Luft. Selbst ein hartgesottener Haudegen wie Leverkusens kugelrunder Manager Reiner Calmund sah mit seinem millimeterkurzen Haaren und dem gestutzten Schnurrbart leichenblaß aus. Trainer Christoph Daum stand daneben und faselte über Gott und die Welt ("Bayern ist ein outstanding team, aber wir werden immer gegen sie kämpfen"), und seine Freundin Angelika, die mit ihren feuerroten Haaren in den Boulevardblättern immer als Vamp herhalten muss, nippte apathisch am Glas Wasser und ließ ihre vielen Armreifen klappern. Calmund hieb auf die Spieler ein, als gelte es mit der Abrissbirne für Angst und Schrecken zu sorgen. "Schade, ich hätte denen fünf oder sechs gegönnt. So richtig eines vor die Birne. Da wacht man wenigstens auf davon." Und Daum knöpfte sich Pascal Zuberbühler und Boris Zivkovic vor. "Tja", meinte er süffisant über den Torwart aus der Schweiz, "jeder Ball, der auf das Tor kam, war drin."

Sie verteilten viele Ohrfeigen. "Viele haben wohl ihren Höhepunkt am Mittwoch in der Nationalmannschaft gehabt. Bei Zivkovic konnte ich nicht glauben, dass einem Bundesligaspieler noch solche Fehler passieren." In Leverkusen werden sie jetzt eine Weile mit Berichten über eine Krise leben müssen. "Wer den Anspruch hat, ein Spitzenteam zu sein, der muss mehr bringen", meinte Daum. Immer wieder hob der Bundestrainer in spe beschwörend die Hände und tänzelte mit leichten Schritten fast im Kreis. "Dass mir keiner schreibt, ich sei mit den Gedanken nur bei der Nationalmannschaft", sagt er, kündigte deutliche Worte für die nächste Woche an und verschwand mit seinem Kumpel Mayer-Vorfelder auf ein Gläschen.

Da konnten sich dann beide erholen, MV von seiner "Irrfahrt" - und Daum von einer Lehrstunde in Konterfußball.

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