VfB Stuttgart : Die stürmischen Träume des Mario Gomez

Mario Gomez trifft für Verfolger Stuttgart in letzter Sekunde und redet nach dem Sieg gegen den Hamburger SV vom Titel. Und selbst Jens Lehmann sucht jetzt die Nähe zu den Fans.

Oliver Trust[Stuttgart]

Was die meisten der 55 700 Zuschauer feierten, war nicht genau zu erkennen. Entweder das späte Tor von Mario Gomez, der in der Fußball-Nationalmannschaft gegen Liechtenstein von den deutschen Fans kürzlich noch ausgepfiffen worden war, oder doch die neue Aussicht von Gomez’ Verein, dem VfB Stuttgart, auf die Champions-League-Qualifikation oder sogar auf den Meistertitel? Egal, jedenfalls spielten sich in der Stuttgarter Arena bemerkenswerte Szenen ab, nachdem Gomez in der Nachspielzeit getroffen hatte. Stuttgart hatte den Hamburger SV doch noch besiegt – 1:0. Die Sieger trabten auf einer Ehrenrunde über die Tartanbahn, selbst Torhüter Jens Lehmann schleuderte sein Trikot auf die Tribüne. Derartige Volksnähe war von ihm bisher unbekannt.

Für Prognosen sei es viel zu früh, sagte Gomez, um, leicht erheitert durch „einige Bierchen“ nach seiner Dopingprobe, genau die zu liefern. „Wir sind in der Lage, noch 21 Punkte zu holen.“ Dazu müssten die Stuttgarter allerdings alle ausstehenden Spiele gewinnen. „Die Situation erinnert mich an die Zeit vor zwei Jahren. Wir haben wieder diese Spannung im Kader. Keiner weiß, ob er spielt, aber jeder weiß, wir können etwas erreichen“, sagte der Stürmer. Gomez sagte aber auch: „Vor zwei Jahren waren die Mannschaften vorne nicht so stark wie diesmal.“

Teamchef Markus Babbel will vorerst nur „Platz fünf verteidigen“. Vor kurzem noch Assistent unter seinem Vorgänger Armin Veh, führte er die Schwaben mit neuer taktischer Ausrichtung ohne Spielmacher zu neuer Stabilität, machte sie zur zweitbesten Rückrundenmannschaft und vermittelte Selbstvertrauen. „Er hat ständig reingerufen, in der 85. Minute, selbst in der 90. Minute: ,Ihr macht das Tor, bleibt dran‘“, berichtete Gomez. Der Hamburger Albert Streit ließ Ludovic Magnin flanken, und Thomas Hitzlspergers Schuss wehrte Frank Rost vor die Füße von Gomez ab. „So ein später Sieg ist noch emotionaler und noch schöner“, sagte der Torschütze.

Schließlich auch für Gomez selbst, der „sich nicht verrückt“ gemacht haben will angesichts der harschen Kritik und eines Jahres ohne Tor im Nationaltrikot. Wie gut der entscheidende Treffer dem sensiblen „Qualitätsspieler“ Gomez (Horst Heldt) tat, mussten Heldt und Roberto Hilbert beschreiben. „Er ist noch nicht so stabil und versucht, seinen Weg zu finden“, sagte Manager Heldt. Und Hilbert meinte: „Es greift jeden an, von den eigenen Fans ausgepfiffen zu werden. Es ist unsere Aufgabe, ihn zu Chancen zu bringen.“

Jens Lehmann sah das Ergebnis trotz Ehrenrunde „weniger euphorisch“. Stattdessen sagte er: „Die Leute sind ganz begeistert, aber wir betreiben Wiedergutmachung, das ist ein Ausgleich für die Vorrunde, in der wir zu viele Spiele hergeschenkt haben.“

Beim HSV konnte man solche Gedanken nachvollziehen. Die Hanseaten hatten in Stuttgart einen Punkt verschenkt, fielen auf Rang drei zurück und versuchten, dies im Hinblick auf das Rückspiel im Uefa-Cup-Viertelfinale gegen Manchester City am Donnerstag schnell zu verdrängen. „Ob müde durch die Belastung in drei Wettbewerben oder nicht – wir haben es wieder einmal nicht geschafft, den inneren Schweinehund zu überwinden. Es wird sich jetzt zeigen, ob die Mannschaft Charakter hat. Also: Abhaken und ein Erfolgserlebnis holen“, sagte Rost. Wie gut das tut, konnte sich der HSV-Keeper nach dem Spiel von Gomez erzählen lassen. Die beiden saßen eine gute halbe Stunde zusammen bei der Dopingprobe.

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