Sport : VfB Stuttgart: Erst der K. o., dann die Katastrophe

Martin Hägele

Im Fußball sagen Gesichter oft mehr als Worte. Zumindest in den Stunden nach dem Spiel. Klaus Schlütter, der Sportchef von "Bild" Stuttgart, der vom früheren Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder einst mit einer Flasche Champagner geehrt worden war für seinen hundersten internationalen Reporter-Einsatz mit dem VfB, litt fast am schlimmsten. Schlütter wird bald 60, und im Gegensatz zu den Profis, die er fürs Groschenblatt begleitet, hat er schon einen Bundesliga-Abstieg erlebt: 1975.

Die Angst ist wie eine Krankheit. Der Mann vom Boulevard glaubt, dass es keine Hoffung mehr gibt für seine Mannschaft. Mit Wehmut blickte er auf die BayArena, und beim Einsteigen in den kleinen Flieger hielt er sich mehr als nötig am Geländer fest. Es könnte schon bald keine Charters mehr geben, vielleicht wird die Mannschaft ab Sommer im Bus reisen; nach Oberhausen oder ins Playmobilstadion von Greuther Fürth.

Vorne in der kleinen Maschine sitzen Trainer Ralf Rangnick, Assistent Peter Starzmann und Mentaltrainer Thomas Baschab. "Der Trainerstab kann nur dafür sorgen, dass die Einstellung der Spieler stimmt, und das kriegen wir auch wieder hin - die Tore aber müssen sie selber schießen", sagt der Psychologe. Der Mann, der die Köpfe frei machen soll, ist jetzt gefragt vor dem Spiel gegen Kaiserslautern, das nun wie jede weitere Partie "Existenzkampf" (Baschab) heißt. Drei Gegentore in fünf Minuten - "wir haben plötzlich gespielt wie im Kindergarten", sagt der brasilianische Abwehrchef Bordon; um das Warum zu erklären, reicht sein Deutsch nicht aus. Aber auch die Einheimischen wissen nicht weiter, sprechen wie Thomas Schneider, dass erst "der K. o." und dann "die Katastrophe da war".

Warum hat es die Fußball-Schwaben am Tag, als der zweite Neuanfang geplant war, mit 0:4 gleich so fürchterlich aus den Angeln gehoben? Ralf Rangnick kennt die Analyse nur zu gut. Sein Team begeht in Stress-Situationen mehr Fehler als andere, gestandene Nationalspieler (Soldo, Balakow, Thiam) geben den Kollegen dann keine Signale mehr. Vielleicht ist deshalb der von jeglicher Stuttgarter Fußball-Vergangenheit unbelastete Adhemar der letzte Hoffnungsträger. Wahrscheinlich hat der Trainer den Brasilianer deshalb in Leverkusen geschont. Als Adhemar in Stuttgart gelandet war, zählte er noch einmal die deutschen Worte auf, die er vom rumänischen Sitznachbarn Ganea gelernt hatte: "Bruder", "Schwester", "super", "super", "super". Beim dritten "super" konnten die Ersten schon wieder lachen.

Alle Zeichen deuten daraufhin, dass der frühere Gladbacher Manager Rolf Rüssmann dem VfB als starker Mann weiterhelfen soll. Rüssmann ist nicht erschrocken, als er in Leverkusen das sportliche Debakel seiner künftigen Firma beobachtet hat: "Ein typisches Zeichen von Verunsicherung", sagte Rüssmann, "aber das kann man abstellen."

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