Sport : VfB Stuttgart - Hertha BSC: Abwarten und Tor schießen

Es muss frustrierend sein, über eine Stunde lang vergeblich zu rennen und zu kämpfen, meist zweiter Sieger zu sein und keine einzige Torchance zu haben. Michael Preetz haut das nicht um. Der Mannschaftskapitän ist routiniert genug, um sich dadurch nicht entmutigen zu lassen. Und so was zahlt sich aus. Gestern im Daimlerstadion war ab der 77. Minute Zahltag. Da gelang Preetz im zweiten Versuch jener Kopfball, der die Partie gegen den VfB Stuttgart entschied. Mit seinem 13. Saisontor bescherte der 33-Jährige Berlins Bundesliga-Fußballern von Hertha BSC den sechsten Auswärtssieg, das 1:0 gegen den VfB Stuttgart. Und Preetz war auch noch ehrlich: "Es war ein schlechtes Spiel mit einem glücklichen Sieger", sagte er. Schlecht oder nicht, glücklich oder nicht: Hertha ist damit wieder im Geschäft um die Spitzenplätze. Für die Schwaben sieht es ganz schlecht aus.

Für Ralf Rangnick ohnehin. Fast schien es, als würde er sich vor der Pressekonferenz drücken. Er kam dann doch, wirkte deprimiert, stammelte etwas von "mangelnder Durchschlagskraft" und zog wie ein geprügelter Hund davon. Stuttgarts Trainer stehen noch schlimme Tage bevor. Es wird für ihn kaum ein Trost gewesen sein, dass die schon nach 38 Minuten aufkommenden "Rangnick raus"-Rufe Pfiffe und damit Ablehnung hervorriefen.

Die Verunsicherung seiner Schützlinge war in diesem "grausam schwachen Spiel" (Hertha-Manager Dieter Hoeneß) unübersehbar. Nach dem sehenswerten Kurz-Feuerwerk vor dem Spiel gab es hüben und drüben nur noch armseliges Gekicke, die Stuttgarter büßten mit zunehmender Spielzeit immer mehr an Selbstvertrauen ein. Da auch Herthas Verlegenheitself spielerisch äußerst Dürftiges zu bieten hatte, kam als Quintessenz Erschreckendes heraus. Wozu freilich auch der miserable Zustand des Rasens beitrug. Für Jürgen Röber, Herthas Trainer, war das ein "absoluter Kartoffelacker", für Hoeneß ein "wohl noch schlechterer Rasen als der bei uns im Olympiastadion".

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Unter diesen Gegebenheiten hatten Herthas Verantwortliche auch gar nicht mehr erwartet. Doch Hoeneß war sich sicher, dass "das Spiel für uns läuft, je länger es dauert". Dazu bedurfte es freilich einer gehörigen Portion Optimismus. Abwarten, gegenhalten und auf das nötige Quäntchen Glück warten - so hieß offenbar die Devise der Herthaner, die in der ersten Halbzeit nur eine halbe Torchance (Kopfball Eyjölfur Sverrisson) hatten. Dass Jürgen Röber nicht mit einer Einwechslung für mehr Druck sorgte, begründete er damit, dass "ich Angst hatte, dass der neue Mann nicht ins Spiel findet". Wobei es ein Neuer normalerweise schwerer hat, in eine gut funktionierende Mannschaft zu finden.

Doch alle Kritik verstummte, als Michael Preetz seinen großen Auftritt hatte. Und mit seinem ersten Kopfballtor in dieser Saison machte der sonst so kopfballstarke Stürmer alles klar. Dass er zuvor so wirkungslos blieb, lag auch daran, dass ihm durch die hängenden Spitzen Eyjölfur Sverrisson und Dariusz Wosz nicht allzu viel Unterstützung zuteil wurde. Und die Abwehr mit dem Geburtstagskind Josip Simunic tat ohnehin nichts für die Offensive. Was ihr niemand übel nehmen konnte, denn gestern war Torsicherung Trumpf. Unschwer schon an der relativ defensiven Ausrichtung zu erkennen. Gefahr drohte meist nur vom Brasilianer Adhemar und dessen Freistößen..

Hertha hat mit viel Ersatz (beim VfB fehlten allerdings auch Klassespieler wie Balakow und Thiam) gewonnen, das allein zählt. Wer nach den vielen Ausfällen von Leistungsträgern großen Fußball erwartete, ist ein Illusionist. Hoeneß: "Wir haben genau das gespielt, was wir bei unserer derzeitigen Personalsituation können." Das war nicht viel, aber es reichte. Weil der Gegner schwach war. Und weil Hertha die personellen Engpässe besser weggesteckt hat als beim katastrophal schwachen Spiel gegen Wolfsburg. Zumindest mit dem Kampfgeist durfte man neben dem Ergebnis zufrieden sein. Nach dem dritten Auswärtssieg des Jahres muss nun nur noch der Heimkomplex überwunden werden. Tunlichst schon am Sonnabend im Spiel gegen Unterhaching.

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