Sport : VfB Stuttgart: Kirchgang des Sünders

Oliver Trust

Ernährungswissenschaftlich ist die Maßnahme zwar höchst umstritten, weil weder Kaffee noch Kuchen im Sport als besonders leistungsfördernd gelten. Aber so ein richtig schöner Kaffeeklatsch mit dem Trainer, dies kühne Rezept wirkte sich zumindest beim Fußballklub VfB Stuttgart positiv aus. An "befreiende Gespräche" und "positive Ruhe" erinnerte sich Felix Magath, die er erst am Tisch im Klubheim geführt hatte und dann im beschaulichen Trainingslager-Hotel "Waldschatten" fortsetzte. "Wir haben viel geredet. Ich hab jetzt mehr das Gefühl, dass sich etwas gelöst hat".

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Tipp-Spiel: Wer wird Deutscher Meister? Der Abstiegskampf ist nach dem 2:1 über Werder Bremen ein bisschen angenehmer geworden. "Das war sehr nötig, um allen die Lage klar zu machen", sagte Spielmacher Krassimir Balakow zur aufbauenden Talkrunde: "Nichts Negatives, davon kriegst du nur eine Bremse in Kopf und Füße". Wunder aber, die löst ein therapeutischer Nachmittag mit Backwerk eben doch nicht aus.

"Der Abstiegskampf ist noch nicht entschieden", seufzte Magath als habe ihn eine enttäuschende Erkenntnis ereilt. "Wer den längsten Atem hat, der überlebt", meinte Manager Rolf Rüssmann. Enttäuscht aber musste an diesem Nachmittag niemand nicht sein. Und so schien es als falle ausschließlich Adhemar die einzig richtige Antwort auf diesen so wichtigen Sieg ein. "Sonntag", flüsterte der nur 1,67 Meter große Adhemar Ferreira de Camargo Neto, "geh ich in die Kirche".

Zur Dankbarkeit bestand bei aller Eigenleistung einer Mannschaft, die zur Freude des Trainers endlich so etwas wie kämpferischen Eifer entwickelte, ausreichend Grund. Da waren nicht nur zwei Treffer des kleinen Brasilianers, der nach fünfwöchiger Verletzungspause alle Sturmprobleme der Stuttgarter löste, sondern auch diese 42. Minute als sich der vom Zweitligisten Sao Caetano transferierte Torjäger beim rüden Sprung in die Beine des Bremer Torwarts Frank Rost nach Kräften um einen sofortigen Platzverweis bemühte. Schiedsrichter Markus Merk aus Kaiserslautern gestand verunsichert ein: "Ich war mir nicht sicher". Er entschied für den Angeklagten und zog nur Gelb. "Ich weiß nicht was man alles tun muss für eine Rote Karte", schimpfte Bremens Trainer Thomas Schaaf. So aber konnte der gläubige Christ Adhemar nach der Pause sein zweites Tor (49.) schießen und Pizarros Ausgleich (47.) zur Ergebniskosmetik degradieren. "Das Team hat von dieser positiven Entscheidung profitiert. Er hätte Rot sehen können", sagte Rüssmann. Mit reuevoller Trauerarbeit aber wollte sich keiner der Stuttgarter lange aufhalten. Zu groß die Freude über den zauberhaften Stürmer, den Rüssmann wie einen kostbaren Schatz in den Armen hielt. "Der ist doch einfach sensationell", frohlockte der Stuttgarter Manager. Es waren seine Saisontore sechs und sieben. Nicht eben viel nach 31. Spieltagen. Aber Adhemar hatte erst sein achtes Spiel gemacht, das dritte über die volle Distanz.

Als sei alles schon geschafft, sprangen sie beim Schlusspfiff von der Stuttgarter Bank auf. Auf dem Rasen lagen sich die Spieler in den Armen. Schwer hatten es ihnen die Bremer mit Pizarro als einiger Spitze nicht gemacht. "Wir waren zu verschlafen und nachlässig", meinte Bremens Trainer Thomas Schaaf. "Nach Adhemars erstem Tor nach fünf Minuten war unser Konzept über den Haufen geworfen". Zu spät entschied sich Schaaf mit Ailton zu einer Verstärkung für den Peruaner und mehr Druck. Den konnte Regisseur Andreas Herzog nie entwickeln.

Adhemar hatte ganz andere Sorgen. "Ich bin glücklich. Und das Foul tut mir leid. Es war sehr hart", berichtete der Brasilianer und umarmte seine Kinder Ayeska und Kaynan, die auf der Tribüne spielend alle Taten des Papas verpasst hatten. Vielleicht dürfen sie ja trotzdem an den Früchten des Erfolges teilhaben und am neuen Laptop spielen, den der Bulgare Balakow beim therapeutischen Kaffeeklatsch im Kurhotel für zwei Tore von Adhemar ausgelobt hatte.

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