Sport : VfB Stuttgart: Mit blassen Gesichtern zur Weihnachtsfeier

Oliver Trust

Gut, dass dieses Tor hinter der Gegentribüne so solide gebaut ist. Schwäbische Wertarbeit eben, so wie einen Steinwurf weg in den Autofabriken. Ganz anders als auf dem Spielfeld, da leistete Fußball-Bundesligist VfB Stuttgart eher den Offenbarungseid. Die Aggressionen verteilten sich nach dem 0:2 gegen Borussia Dortmund recht gleichmäßig. Die, die draußen wie die Wilden gegen das Tor traten, schwankten hin und her. Einmal ein kräftiges "Rangnick raus", dann wieder ein nicht minder herzhaftes "Scheiß Millionäre". Die Ordner sprangen wie die Hasen und stemmten sich dagegen. Es waren viel mehr da als sonst. Beim VfB waren sie auf Volkes Zorn gut vorbereitet. Aber einen einzigen Sündenbock gibt es nicht in Stuttgart. Die triste Stimmung, die Angst vor dem Untergang - sie erfasst alle. Das macht die Lage nicht einfacher. Alle standen sie da, schmallippig, wortkarg, irgendwie unruhig. Spaß machte es keinen.

Manfred Haas, der neue Präsident, verschränkte aus lauter Schutzbedürfnis die Arme. "Sie können sicher sein, wir werden uns des Themas annehmen", sagte er und zupfte am Schnurrbart. "Wir werden das in Ruhe analysieren und Gespräche führen", sagte Sportdirektor Karlheinz Förster. Es wird um Trainer Ralf Rangnick gehen in diesen Sitzungen, die für viele längst Krisensitzungen sind. Der Klub ist mit 30 Millionen Mark Schulden fast pleite und jetzt Vorletzter in der Tabelle. Ein Freistoß von Dede zum 0:1 in der 7. Minute stürzte alle beim VfB in tiefe Ratlosigkeit. Wie leblos schlurfte die Mannschaft vor sich hin. Trainer Ralf Rangnick sank in seinem roten Komfortsitz immer tiefer in die Resignation.

"Sechs Punkte sind bis Weihnachten Pflicht", sagte Rangnick. Man merkte ihm an, dass auch er nicht weiß, ob er dann überhaupt noch Trainer in Stuttgart ist. "Ich denke schon, dass ich noch der richtige Mann bin", sagte er, klang aber nicht zuversichtlicher. Er weiß, sie werden reden. Reden über neue Trainer. Über Joachim Löw. Oder über Klaus Toppmöller. Sicher nicht über Otto Rehhagel, den will in Stuttgart selbst jetzt keiner haben. Löw und Toppmöller aber haben beide Anhänger im Vorstand. Für den 42-Jährigen wird es jetzt eng. Es wird ihm auch nichts nützen, wenn er am Dienstag Feyenoord Rotterdam im Uefa-Cup die Bude voll haut. "Die Bundesliga ist die Liga, auf die wir uns konzentrieren müssen."

Der grausigen Darbietung in Hälfte eins folgten "20 Minuten, in denen wir richtig Druck gemacht haben" (Rangnick). Dann aber kam das Foul von Torwart Hildebrand an Addo dazwischen. Elfmeter. Stevic schoss den Ball ins Tor. 65. Minute: 0:2. Aus, vorbei. "Die sind am Limit", sagte Dortmunds Fredi Bobic und wunderte sich: "Wir haben wirklich nicht toll gespielt, wir standen eigentlich nur rum und haben gewartet."

Was nun Herr Präsident? Manfred Haas verschränkte wieder die Arme und zupfte am Bart. "Das ist alles schwer erklärbar. Ich sage nichts zum Trainer, wir diskutieren", sagte er. Und Karlheinz Förster sagte allen, worüber: "Das Vereinsinteresse steht über allem." Und die Spieler? Sie mussten mit ihren blassen Gesichtern durch die laue Dezembernacht rüber in die Schleyerhalle zur Weihnachtsfeier der Fanklubs. "Personenschutz werden wir hoffentlich nicht brauchen", scherzte Förster. Das hörte sich ein wenig nach Galgenhumor an. "Wir müssen reden", sagte er noch einmal. Sie werden Rangnick noch ein paar Tage geben. Ob es überhaupt noch eine richtige Chance ist, das weiß der VfB-Vorstand selbst nicht. Dienstag Rotterdam. Am Wochenende Schalke, dann zwei Heimspiele. Stunden, Tage, Wochen - in Stuttgart hat die heiße Phase begonnen. Und eines ist sicher: Trainer Ralf Rangnick hat im Augenblick die geringsten Chancen.

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