Sport : VfL Bochum - Hertha BSC: Einmal Bochumer, immer Bochumer

Michael Rosentritt

Das Besondere am finalen Schuss zum 3:1 war das Vorspiel. Drei Mittelfeldspieler von Hertha BSC stürmten in der letzten Spielminute auf Bochums Torwart Rein van Duijnhoven zu. Sonst war keiner mehr da. Michael Hartmann, René Tretschok und Kai Michalke hatten sich auf die Reise gemacht. Begleitet allein vom Ball. Doch irgendwie traute sich keiner von ihnen, das Ding im Tor unterzubringen. Erst spielte Michalke den Ball rüber nach links zu Hartmann. Der zögerte und schob die Kugel dann lieber noch mal rüber auf die andere Seite zu Tretschok. Aber auch der mochte nicht. Also passte er noch einmal quer. Da stand nun Michalke. Doch was sollte er nur machen? In der Zwischenzeit hatten sich ein, zwei gegnerische Verteidiger eingefunden. Also entschied sich Michalke, das zu tun, was in einer solchen Situation zu tun ist. Er schob den Ball ins Tor.

Es war an diesem Nachmittag sein zweiter Treffer im Ruhrstadion. Doch freuen mochte er sich nicht. Keine Säge, kein Luftsprung, kein lauter Jubel. Vielleicht schämte sich Michalke, diese äußerst günstige Gelegenheit beinahe noch verschaukelt zu haben. Vielleicht war es ihm auch nur peinlich, das getan zu haben, wofür er bezahlt wird als offensiver Berufsfußballer. Denn eigentlich bekommt er dazu für seinen Geschmack viel zu selten Gelegenheit. Sein letzter Bundesligaeinsatz lag in der Frühphase der laufenden Bundesligasaison. Am dritten Spieltag wurde der gebürtige Bochumer gegen seinen früheren Verein eingewechselt. Danach nie wieder. Im Sommer 1999 hatte er sich das alles ein wenig anders vorgestellt. Er verließ den VfL wegen Berlin. Doch in den Planungen von Trainer Jürgen Röber spielte Michalke keine Rolle.

Nun wird also wieder etwas geschrieben stehen über ihn in den Zeitungen. Zuletzt war das der Fall nach dem legendären Nebelspiel in Berlin. Hertha BSC hatte im Herbst 1999 in der Zwischenrunde der Champions League den großen FC Barcelona zu Gast. Nur war so gut wie nichts zu sehen, damals, vom schleier- wie schmeichelhaften 1:1. Dabei war doch diesem Michalke das Kunststück gelungen, das eine Tor für Hertha zu schießen. Nur leider im Nebel.

Und auch am vergangenen Sonnabend zählte er nicht zur Startelf der Berliner. Erst eine Verletzung Sebastian Deislers machte den Weg frei für ihn. "Ich bin seit langer Zeit mal wieder zufrieden", sagte Michalke bescheiden, "ich habe eine gute Vorbereitung hinter mir. Im Trainingslager habe ich alle drei Testspiele mitgemacht und dem Trainer gezeigt, dass er auf mich zählen kann."

Der Trainer hörte das schon nicht mehr. Röber war auf dem Weg zur Pressekonferenz, der Rest der Mannschaft beim Duschen. Michalke aber war gefragt nach Spielschluss. Die Kameraleute hatten ihre Objektive auf ihn gerichtet, die Herren vom Radio streckten ihm die Mikrofone unters Kinn, die Zeitungsschreiber schrieben, was sie sahen. Merkwürdig war es für beide Seiten, für die Fragesteller und den Gefragten. Fast schon war er in Vergessenheit geraten, der frühere A 2-Nationalspieler. Vor dem Spiel hätte man noch all denen, die sich jetzt um ihn scharten, glaubhaft machen können, dass Michalke seine Karriere irgendwann neulich beendet hatte. Plötzlich war er wieder da, und gleich im Mittelpunkt. Irgendwie war es sonderbar. Auch, was er zu sagen hatte in Bochum, wo er den VfL mit seinen Toren dem Abstieg in die Zweite Liga ein erhebliches Stück näher brachte. "Diese Tore gehen mir sehr nahe", sagte Michalke, "ich habe elf Jahre hier gespielt. Hier bin ich groß geworden. Das vergisst man nicht."

Einmal Bochumer, immer Bochumer. Zwei Tage vor Weihnachten hat Michalke geheiratet. Und es besteht nicht der geringste Zweifel daran, wo er es getan hat.

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