VfL Wolfsburg : Die Meisterschale kommt im Original

Wer so gut spielt und so schön trifft, wird selbst aus den unmöglichsten Blickwinkeln beleuchtet. Ganz Fußball-Deutschland staunt über die Souveränität, mit der der VfL Wolfsburg den ersten Platz in der Bundesliga verteidigt.

Christian Otto[Hannover]
Kinderdienst: Wolfsburg hat gute Chancen auf Meistertitel
Noch ist es nur Pappe. Wolfsburgs Fans feiern schon mal die Meisterschaft.Foto: ddp

Wer so gut spielt und so schön trifft, wird selbst aus den unmöglichsten Blickwinkeln beleuchtet. Als Edin Dzeko seinen drei Toren für den VfL Wolfsburg ein paar erklärende Worte folgen lassen sollte, stand hinter ihm ein recht aufdringlicher Kameramann und fummelte mit seinem Objektiv zwischen den Beinen des Bosniers herum. Es ging darum, von diesem außergewöhnlichen Fußballspieler irgendwie noch ein paar außergewöhnliche Bilder einzufangen. Wer ganz genau hinsah, dürfte gemerkt haben, dass an Dzekos weißen Schuhen und Stutzen gar keine Grashelme klebten. Der Torjäger und seine Zuarbeiter mussten sich auf ihrem Weg zum 5:0-Erfolg bei Hannover 96 nicht schmutzig machen. Zu deutlich war die Überlegenheit einer Mannschaft, in deren Stadion am kommenden Samstag das Original der Meisterschale bereit gestellt wird.

Fußball-Deutschland staunt. Weil es immer noch so kurios erscheint, dass ein kleiner, bisher wenig geschätzter Verein wie der VfL Wolfsburg wirklich Deutscher Meister werden kann. Und weil es schwer zu begreifen ist, wie dominant Dzeko und Grafite durch diese Spielzeit gestürmt sind. „Wir verstehen uns eben sehr gut“, sagte Dzeko, der mit seinen Saisontreffern 23 bis 25 in der Torjägerliste nur noch einen Treffer hinter dem zweimal erfolgreicheren Grafite liegt. Das von Spielmacher Zvjezdan Misimovic unterstützte Duo gab auch die Abwehr von Hannover der Lächerlichkeit Preis. Dieter Hecking, der peinlich berührte Trainer der Gastgeber, entschuldigte sich für den Auftritts seines Teams. Und Dzeko, dessen schneller Treffer zum 0:1 befreiend gewirkt hatte, machte Erstaunliches möglich. Denn sein Partner Grafite begann vor lauter Glück, seine Interviews plötzlich auf Deutsch zu geben. „Nächste Woche, wir müssen gucken“, sagte der Brasilianer und grinste. Nächste Woche, da wird die ganz Liga gucken müssen, ob der Tabellenführer tatsächlich den letzten fehlenden Zähler auf dem Weg zum Triumph verbucht.

Felix Magath gönnte seinen Spielern die Momente des Glücks. Wie Lausbuben alberten die Profis des VfL im Stadion von Hannover 96 herum, wo sie sich die Teilnahme an der Champions League bereits gesichert haben. „Jetzt wollen wir natürlich auch Erster bleiben“, sagte Mittelfeldspieler Sascha Riether und geriet ins Plaudern. Sein Team hätte vor diesem 33. Spieltag bei den Kollegen der TSG Hoffenheim angerufen und darum gebeten, gegen den FC Bayern München möglichst viel Gas zu geben. Dass die Verfolger in der Tabelle tatsächlich ausgebremst wurden oder sich selbst ausbremsten, ließ selbst den stoischen Magath ein wenig auftauen. „Wir sind in der Lage, jeden Gegner zu schlagen“, sagte der Trainer mit Blick auf das Saisonfinale im eigenen Stadion gegen Werder Bremen. „Die Chance auf den Meistertitel ist jetzt riesengroß. Wir brauchen zwar nur einen Punkt. Aber auf Unentschieden können wir gar nicht spielen.“

Die Wolfsburger erinnern in diesen Tagen an das kleine gallische Dorf, das sein eigenes Ding macht und den Gesetzen der anderen einfach nicht folgen mag. Sie lassen sich von dem ganzen Trubel nicht den Kopf verdrehen. Was jetzt auf die Mannschaft zurollt, empfinden die Spieler nicht als Last, sondern als Zugabe. Zu den Gratulanten in Hannover zählte auch ihr oberster Fußballförderer persönlich. „Ich bin zufrieden“, sagte Volkswagen-Chef Martin Winterkorn und schüttelte seinem Lieblingstrainer anerkennend die Hand. „Mal sehen, wie wir die nächsten Tagen überstehen“, entgegnete Magath und meinte den zu erwartenden Ansturm der Öffentlichkeit. Der Trainer will wenig bis gar nichts an seinen Prinzipien ändern: Heute ist beim VfL ein medizinballfreier Arbeitstag.

Von morgen an wird Magath seine in der Heimat bisher ungeschlagenen Profis wieder verstecken. Mit Hilfe geheimer Trainingslager in solch berühmten Orten wie Königslutter und Barsinghausen hatten sie zuletzt Kraft und Ruhe getankt. „Der Trainer wird uns wieder optimal vorbereiten“, sagt Verteidiger Marcel Schäfer. Sie hegen keinen Groll gegen ihren Chef, der sie über Wochen an der Nase herumgeführt und seinen Wechsel zum FC Schalke 04 verschwiegen hat. Sie folgen ihm wie einem Anführer, der das richtige Rezept kennt und den Zaubertrank auf dem Weg zur letzten großen Schlacht ausschenkt.

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