VFL Wolfsburg : Häme am Mittellandkanal

Nach dem glücklichen 2:2 im letzten Hinrundenspiel gegen Hoffenheim konzentriert sich die Kritik beim VFL Wolfsburg in erster Linie auf Manager Dieter Hoeneß und seine verfehlte Transferpolitik.

von
Das große Rutschen in Wolfsburg hat längst auch Dieter Hoeneß erfasst. Seine Bilanz ist besorgniserregend. Foto: dpa Foto: AFP
Das große Rutschen in Wolfsburg hat längst auch Dieter Hoeneß erfasst. Seine Bilanz ist besorgniserregend. Foto: dpaFoto: AFP

Die Mimik und Gestik von Steve McClaren hatte sich grundlegend verändert. „Ich habe viele gute und viele schlechte Dinge gesehen“, sagte der Trainer des VfL Wolfsburg, den ein Tor in der Nachspielzeit vor der Arbeitslosigkeit bewahrt haben dürfte. Und auch die Stimmung auf dem Weg zu einem glücklichen 2:2 (0:2) gegen Hoffenheim war äußerst gereizt. Der Kern der VfL-Fans unter den nur 24 512 Zuschauern machte aus seinem Frust über eine missratene Wolfsburger Hinrunde kein Geheimnis. Die verunsicherte Mannschaft, die dank der späten Tore von Diego und Edin Dzeko zu einem Teilerfolg kam, wurde vom Anpfiff an mit hämischen Sprechchören bedacht, die in „Hoeneß raus“-Rufen gipfelten.

Die Kritik an McClaren, der trotz des Remis weiter um seinen Job fürchtet, war mit einem Augenzwinkern verbunden. Vor der Partie waren rund 400 grün-weiße Regenschirme und ein Banner mit der Aufschrift „Wir lassen Euch nicht im Regen steht. Ihr uns?“ gezückt worden. McClaren muss seit seiner Zeit als Englands Nationaltrainer und einem verlorenen Spiel, bei dem er Schutz vor Tropfen gesucht hatte, mit Regenschirm-Witzen über sich leben. Sein Chef in Wolfsburg aber, der Dieter Hoeneß heißt und Vorsitzender der VfL-Geschäftsführung ist, sieht sich massiveren Anfeindungen ausgesetzt. Fragen zu den „Hoeneß raus“-Rufen mochte der Routinier am Samstag nicht beantworten. „Wir müssen jetzt genau überlegen, was wir tun wollen. Die Mannschaft muss sich finden“, sagte Hoeneß über ein Team, das nur vier Punkte von einem Abstiegsrang entfernt überwintern wird.

Das Glück der Wolfsburger, die eine Halbzeit lang einen desolaten Eindruck hinterlassen hatten, war vom Hoffenheimer Pech bedingt. Die Gäste hatten nach den Toren von Luiz Gustavo und Gylfi Sigurdsson verdient in Führung gelegen. Aber mit der Auswechslung des angeschlagenen Gustavo kam ein Bruch ins Spiel, der den Wolfsburgern eine Schlussoffensive ermöglichte. „Für einen Punkt wie diesen müssen wir hart kämpfen. Aber die Mannschaft hat genau das getan“, sagte der erleichterte McClaren, der am Mittwoch im Pokal-Achtelfinale gegen Cottbus wieder auf der Bank sitzen darf.

Das sechste Remis der Wolfsburger in Folge, deren Platzierung in der Tabelle angesichts ihrer finanziellen Möglichkeiten ein Armutszeugnis bleibt, kommt wie eine Niederlage für ihren Chef daher. Hoeneß räumt zwar ein, dass er sich trotz der enormen Finanzkraft des Hauptsponsors Volkswagen an Budgetgrenzen halten muss. Aber mit der Einsicht, dass Nachbesserungen am Kader und die angedachte Verpflichtung eines Führungsspieler notwendig sind, geht auch ein Schuldeingeständnis einher. Die bisherige VfL-Mannschaft taumelt durch den Ligaalltag. Selbst der Transfer von Diego, der Juventus Turin verlassen hat, um am Mittellandkanal Teil eines großen Fußballprojektes zu werden, hat sich nicht wie erhofft ausgezahlt.

Wem in Wolfsburg was anzulasten ist, bleibt eine pikante Frage. Entweder macht hier ein Trainer mit den richtigen Spielern das Falsche. Oder ein ambitionierter Trainer hat die falschen Spieler zur Verfügung gestellt bekommen. „Wir brauchen in der Winterpause nicht unbedingt neue, sondern die richtigen Spieler“, sagte McClaren auf dem Weg in eine Spielpause, während der er eine Lösung aller grün-weißen Probleme finden muss. Hoeneß räumte nach der ersten Halbzeit voller Fehler auf dem Platz und Anfeindungen auf der Tribüne ein, dass er ins Zweifeln und Grübeln gekommen sei.

Mehr als 36 Millionen Euro in eine Mannschaft zu investieren, die selbst die recht kleinlaute Wolfsburger Anhängerschar aufregt, macht sich schlecht für die persönliche Bilanz. „Wir werden nichts mit dem Abstiegskampf zu tun bekommen“, behauptet Hoeneß. Der Satz klingt hochmütig, steht aber auch für eine gehörige Portion Selbstvertrauen. Dass die Fans die Arbeit von Hoeneß kritisieren, lässt vermuten, dass sie kurzfristig nicht einsehen, wie seine Arbeit langfristig Früchte tragen soll. Der Auftrag, aus dem VfL Wolfsburg eine dauerhaft große Adresse des Fußballs zu machen, wird zur Nagelprobe für seine Transfer- und Personalpolitik. Denn die fantastischen Rahmenbedingungen beim VfL Wolfsburg bergen die Tücke, dass man Misserfolg nicht in die Schuhe des Trainers oder einzelner Spieler schieben kann.

12 Kommentare

Neuester Kommentar