VfL Wolfsburg : Plötzlich ganz groß

Der VfL Wolfsburg begeistert mit Mannschaftsarbeit und Zirkuskunst. Aber von der Meisterschaft will auch nach dem 5:1 über die Bayern niemand etwas wissen, jedenfalls nicht offiziell

Sven Goldmann[Wolfsburg]
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Einer gegen alle. Wolfsburg Stürmer Grafite trickste per Hacke die gesamte Bayernabwehr aus. -Foto: dpa

So geht großer Fußball: Zehn Ballberührungen in acht Sekunden. Ein Wolfsburger gegen fünf Münchner. Grafite bekommt den Ball im diffusen Mittelfeld, noch weit genug weg vom Strafraum, er treibt Ottl vor sich her, einen Schritt nach links, einen nach rechts, immer weiter, Lell kommt zur Hilfe, der Ball ist längst im Strafraum, Grafite touchiert ihn ein einziges Mal mit dem linken Fuß, gleich danach kommt die entscheidende Körpertäuschung, Grafite schlüpft in die Lücke zwischen Ottl und Lell, Torwart Rensing stürmt ihm entgegen, Grafite weicht ihm aus mit der neunten Berührung, die zehnte ist ein Kick mit der Ferse gegen Rensings Fallrichtung, Lahm kann nicht mehr eingreifen, Breno streckt den Fuß, zu kurz, Ottl dreht sich, eine letzte Anstrengung, aber er kann nicht mehr beschleunigen, in aufreizend geringem Tempo rollt der Ball über die Linie, 5:1, was für ein Tor!

„War ganz gut“, sagt Wolfsburg Spielmacher Zvjezdan Misimovic.

Ganz gut. So ähnlich hat das Felix Magath später ausgedrückt, der Wolfsburger Trainer mit Münchner Vorgeschichte. Der hart gearbeitet haben dürfte für die Reglosigkeit, mit der er diesen denkwürdigsten Tag in der Geschichte des Wolfsburger Fußballs parierte. Kein alltägliches Resultat, sagt Magath, er wickelt einen Teebeutel um den Löffel und presst ihn aus, kein Tropfen soll verloren gehen, und keine Sekunde von diesem wunderbaren Tag. Aber Magath sagt nur: „Das ist schon ein besonderes Ergebnis“, und wen interessiere es schon, wer nach dem 26. Spieltag auf Platz eins stehe. Drei Punkte vor dem FC Bayern, das sei schon schön, „aber wenn ich jetzt Bayern-Trainer wäre und mit drei Punkten vorn liegen würde...“ Was folgt, ist eine längere Rechnung, an deren Ende Magath zu dem Schluss kommt, dass es nicht leicht werde für seinen VfL, einen Platz im Uefa-Cup zu ergattern.

Das ist doch mal ein origineller Versuch, die Gefahr einer aufkommenden Euphorie zu ersticken, noch bevor die Aufzeichnung des Spiels in der „Sportschau“ läuft. Seinen Spielern hat Magath offenbar dasselbe eingeimpft, jedenfalls will keiner auch nur irgendetwas sagen, was so klingen könnte wie: Wäre schön, wenn wir eventuellvielleichtwarumnicht Deutscher Meister werden. Seinen Stürmer Edin Dzeko hat Magath offensichtlich zu einem Kurzseminar nach Berlin geschickt, denn der Bosnier imitiert Lucien Favre nahezu perfekt, mal abgesehen vom französisch-schweizerischen Akzent: „Wir denken nur von Spiel zu Spiel.“

Gibt es nach dem Hoffenheim- und dem Hertha-Hype jetzt einen Wolfsburg-Hype? Feiert die Liga den Wolfsburger Grafite als den neuen Ibisevic oder Woronin? Jenen Brasilianer, der so aussieht wie eine athletische Version seines schon fast vergessenen Landsmannes Ailton. Grafite hat dieses phantastische Tor geschossen, mit zehn Ballberührungen in acht Sekunden, und dazu noch ein zweites, ganz gewöhnliches. Mittlerweile kommt er auf 20 Tore in 17 Spielen, das ist Platz eins in der gewöhnlichen Bundesliga-Schützenliste, in der auch alle berücksichtigt werden, die komplette 26 Spieltage in Anspruch genommen haben.

Vor diesem Hintergrund verbietet es sich, allzu lange darauf rumzureiten, dass Grafite ansonsten gegen die Bayern kaum zu sehen war, dass er gegen den Münchner Frischling Breno im Angriffszentrum nur ein Duell gewann und zur Halbzeitpause von Trainer Magath ordentlich zusammengefaltet wurde. „Der Trainer hat richtig rumgeschrieen“, hat Grafite später erzählt. Stimmt das, Herr Magath? „Nein, da hat er was falsch verstanden“, sagt Magath und weist darauf hin, er habe seinen Torjäger nur instruiert, er möge sein Spiel spielen und die Dinge nicht unnötig verkomplizieren. Wenn das stimmt, dann hat Grafite die Anordnung seines Trainers fahrlässig in den Wind geschlagen, denn komplizierter als er beim finalen Hacken-5:1 kann man ein Tor kaum erzielen.

Einfacher Fußball sieht anders aus. So, wie ihn Edin Dzeko spielt, der Bosnier, der im Schatten des brasilianischen Zauberers die Arbeit macht und dessen Tore ein wenig untergehen, auch wenn es mittlerweile schon 15 sind in dieser Saison. Dzeko steht für das eigentliche Wolfsburger Spiel, für die Mannschaftsleistung hinter dem Zirkusartisten. Grafite hat gegen die Bayern die Tore Nummer vier und fünf erzielt. Dzeko hat das wichtige 2:1 geschossen und gleich danach das dritte, dieses dritte:

Drei Wolfsburger gegen den ganzen FC Bayern. Sechs Sekunden vom eigenen bis ins andere Tor. Vier Stationen bis zum 3:1. Abwurf von Benaglio auf Dzeko, der weiter auf Misimovic, der wartet auf den perfekten Augenblick, ein, zwei, drei Sekunden, dann spielt er mit viel Effet nach vorn ins Zentrum, man sieht noch, wie er die Arme hochreißt, wie das auch ein Dirigent mit seinem Stab vor dem Orchester tut, Dzeko nimmt den Ball mit der ersten Berührung mit, mit der zweiten schiebt er ihn rein, was für ein Tor. Was für ein Tor!

So geht großer Fußball.

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