Ist Viagogo nur das kleinere Übel?

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Viagogo in der Kritik : Tickets aus der Grauzone
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Zweifellos tummeln sich auf diesem Portal professionelle Schwarzhändler. Früher haben die Fußball-Vereine solche Internet-Tickethändler verklagt – auch deshalb verstehen viele Fans nicht, warum nun Geschäfte mit Viagogo gemacht werden. Viagogo unterhält mit neun deutschen Erst- und Zweitligisten offizielle Partnerschaften. In den Verträgen fordert Viagogo Exklusivität im Ticketweiterverkauf. Auf Schalke musste deshalb eine Ticket-Tauschbörse von Fans für Fans geschlossen werden. Künftig läuft es so: Der Klub gibt 300 Karten für zehn Heimspiele an den Händler, der danach selbst als Verkäufer auftritt. Für die Karten darf er vertraglich geregelt maximal den doppelten Preis verlangen.

Einige Klubs nutzen so ganz offen die Chance, auf dem finanziell eigentlich ausgereizten Markt der Eintrittsgelder doch noch zusätzlich zu verdienen, „über Sponsoring oder Kartenverkäufe über Viagogo, an denen die Klubs beteiligt werden“, weiß der Ticketmanager Nicolaus Pham, der auch schon für DFB und Uefa in diesem Segment tätig war. Pham sagt auch, in gewisser Weise würde so „aus dem Schwarzmarkt ein zusätzlicher Vertriebskanal“ für die Vereine. Schalkes Marketing-Vorstand, Alexander Jobst, formuliert es so: Der Ticketmarkt im Internet wachse immer weiter, die Klubs könnten ihn kaum noch bekämpfen. „Weshalb wir mit der größten Ticketonlinebörse eben diese Partnerschaft eingehen – um ein Stück weit auch eine Kontrolle in diesem Markt bekommen zu können.“ Viagogo als kleineres Übel?

In Dortmund sieht man, welche Auswüchse der Kampf um die Tickets treiben kann. Dort prügelten sich Fans unlängst vor der Geschäftsstelle um die letzten tausend frei verkäuflichen Karten. Zeitgleich wurden bei Viagogo mehr als 2000 Tickets angeboten – zu Preisen ab 250 Euro und bis weit über 1000 Euro. Borussia Dortmund hat sich von Viagogo distanziert und erklärt, dem Händler keine Karten verkauft zu haben. Wie also kommen dann so viele Tickets auf die Seite?

Matthias Saathoff ist Vorsitzender des 1100 Mitglieder zählenden BVB-Fanklubs Deutschland. Er arbeitet in seiner Heimat Ostfriesland als Detektiv und sagt: „Viagogo hat dem Schwarzmarkt das Schmutzige genommen und ihn auf die heimische Couch, an den eigenen Computer, verlagert. Kein Schwarzhändler muss sich mehr bei Wind und Wetter vors Stadion stellen und riskieren, erwischt zu werden.“ Käufer und Verkäufer bleiben anonym, anders als zum Beispiel bei Ebay. Saathoff hat in monatelanger Recherche zu Viagogo Erstaunliches zutage gefördert: Einer seiner Kronzeugen ist ein ehemaliger Mitarbeiter einer offiziellen Vorverkaufsstelle des BVB. Der habe seinen Job nicht mehr guten Gewissens ausüben können, weil sein Chef hunderte von Karten nicht an Fans verkauft (wie er dem Verein angibt), sondern an Viagogo. Außerdem will Saathoff von Insidern wissen, dass etwa zehn BVB-Fanklubs Scheinmitglieder führen, um so an Karten zu kommen, die dann bei Viagogo verkauft würden. Saathoff geht von deutlich über tausend Tickets pro Heimspiel aus. Wenn das stimmt, zockt in Dortmund der Kumpel den Malocher bereits gehörig ab.

Saathoff wundert das nicht. Er wisse von einem Fall, da verdient der Fanklubchef nur 1400 Euro netto im Monat – da komme das Zubrot gerade recht. Zumal Viagogo sich auch regelrecht an die Fans heranschmeißt. Saathoff zeigt zwei Schreiben, die ihn in seiner Funktion als Fanklubchef erreicht haben – von Viagogo-Mitarbeitern. In diesen Mails bietet das Unternehmen mit Hauptsitz in der Schweiz eine Kooperation mit dem Fanklub an. „Die wollen an unsere Karten“, sagt Saathoff. Das würde vom Tenor her zu einer Reportage des englischen Fernsehsenders Channel 4 passen. Ein Reporter schleuste sich als Mitarbeiter in das Londoner Büro von Viagogo ein und fand heraus, dass das Ticketportal bei offiziellen Anbietern in großem Stil selbst Tickets einkauft – die Mitarbeiter hantieren dabei mit Kreditkartenbergen.

Um den ramponierten Ruf etwas aufzubessern, lässt sich Viagogo in Verträgen wie mit Schalke neuerdings auch Werbeflächen im Stadion zusichern. „Wir sind die Besten und wollen deshalb mit den Besten zusammenarbeiten“, sagt Steve Roest, der Firmensprecher, und zählt das Portfolio der internationalen Top-Klubs auf, mit denen Viagogo Verträge hat. Selbst mit dem DFB würde man gerne kooperieren, sagt er. Kleine Rückschläge werden in Kauf genommen. So läuft mit dem ehemaligen Partner Hamburger SV ein Rechtsstreit, auch der FC Bayern will die Zusammenarbeit beenden. Borussia Mönchengladbach hat ein lukratives Angebot von Viagogo abgelehnt, wie Geschäftsführer Stephan Schippers sagt: „Wir können das nicht annehmen, wenn wir gleichzeitig viel unternehmen, um den Schwarzmarkt im Internet zu bekämpfen. Wir wollen keinem die Möglichkeit bieten, auf dem Rücken unserer Fans mit unseren Karten Geld zu verdienen.“

Fans anderer Klubs blicken neidisch nach Gladbach. Oder sie kämpfen mit allen Mitteln. Die Fan-Initiative der Schalker hat über einen Anwalt sogar Vereinschef Clemens Tönnies einen Brief zukommen lassen. „Er hat den Vorstand nicht gestoppt und somit seine Aufsichtspflichten verletzt“, sagt Eckl, „durch diesen Pakt mit dem Teufel werden die Werte unseres Vereins mit Füßen getreten.“

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